Brainwavz B100

Brainwavz B100

Endlich wieder Balanced Armature! Nach langer Abstinenz dieser Treiber-Technologie im Hause Brainwavz, setzt der Hersteller nun wieder auf den Balanced Armature (BA) Treiber, was uns natürlich sehr freut. Unsere Freude begründet sich vor allem in den besonderen klanglichen Qualitäten, die BA Treiber typischerweise liefern. Neu sind gleich drei Modelle: B100, B150 und B200. B100 und B150 setzen auf je einen BA Treiber pro Seite, während der B200 zwei Treiber pro Seite mitbringt. Auch B300 und B400 sind bereits im Gespräch, die respektive 3 und 4 BA Treiber verbaut haben werden, sobald die Entwicklung abgeschlossen ist. Zunächst nehmen wir uns aber das Einsteigermodell Brainwavz B100 vor.

Im hauseigenen Store listet Brainwavz den B100 für rund 50$. Hierzulande kann der Inear über Amazon bezogen werden, wofür aktuell rund 45€ fällig sind. Auch im Sortiment von Headsound ist der Brainwavz bereits zu finden. Den B100 erhält man in einem geräumigen, semi-harten Gewebe-Case, welches ausreichend Schutz und Platz für den Inear und sein Zubehör bietet. Desweiteren liegt eine vernünftige Auswahl verschiedener Aufsätze bei, die aus 4 Paar Silikon-Tips verschiedener Größen und einem Paar feuerroten Foam-Tips von Comply in der Größe M besteht. Auch dabei: Shirt-Clip und Klettband zum Zusammenbinden des Kabels. Angesichts der Preisklasse lassen Menge und Qualität des Zubehörs absolut keine Wünsche übrig.

Brainwavz B100

Verarbeitung und Passform:
Die Gehäuse des B100 gleichen den beiden teureren Modellen B150 und B200. Sie bestehen aus hochglänzendem, schwarzen Kunststoff der sauber und passgenau verarbeitet wurde. Wie für schwarze Hochglanz-Oberflächen üblich, ist auch die Oberfläche des Brainwavz anfällig für Fingerabdrücke. Zudem fühlen sich die Gehäuse des B100 trotz der wirklich guten Verarbeitung nicht sonderlich hochwertig an, was sicher auch dem geringen Gewicht des Inears geschuldet ist. Sitzt der Inear dann aber im Ohr, macht sich das geringe Gewicht positiv bemerkbar. Zusammen mit dem schlanken Formfaktor lässt sich der Inear besonders angenehm tragen und im Ohr vergessen. Neben der geringen Gehäusegröße trägt die gelungene, ergonomische Form zum hohen Tragekomfort des Inear bei. Die Isolation ist entsprechend gut und reiht sich nur knapp unterhalb Inears, wie dem NuForce HEM2 ein.
Das Kabel des B100 wird über das Ohr geführt, wie es auch im professionellen Inear-Monitoring üblich ist. Dazu ist das Kabel oberhalb des Ohrs mit einer verstärkten Biegung versehen, die ohne zusätzlichen Draht auskommt. Das Kabel selbst ist fest mit den Gehäusen verbunden und lässt sich dementsprechend nicht ohne Weiteres wechseln. Doch gibt das Kabelmaterial wenig Anlass zu Sorge und wirkt stabil, wenn auch etwas störrisch. Trotz der Kabelführung über dem Ohr ist die Geräuschentwicklung bei Berührung des Kabels recht stark und mag aktive Inear-Nutzer schnell stören. Notfalls schafft der mitgelieferte Shirt-Clip Abhilfe.

Brainwavz B100 case

Klang:
Der B100 ist ein Inear der Sub-100€-Klasse – häufig geht das Hand in Hand mit übertriebener Bassbetonung. Erfreulicherweise bildet der Brainwavz B100 da eine Ausnahme und überzeugt auf Anhieb durch seine ausgewogene Abstimmung. Der Bassbereich des Inear ist breitbandig um rund 4-5 dB angehoben. Das sorgt für etwas mehr Nachdruck im Tiefbass und mehr Punch im Oberbass, als es neutral wäre. Die Betonung ist dabei wohl dosiert und sinnvoll platziert. Oberhalb des Tiefton erhält auch der untere Mittelton eine leicht warme Einfärbung, was insbesondere dunklen Stimmen und Instrumenten Körper verleiht. Im oberen Mittelton kompensiert der B100 den Open Ear Gain und spielt hier somit annähernd neutral. Einzig um 2 kHz fehlt ihm etwas Pegel zur neutralen Zielkurve, während er zwischen 3 und 4 kHz wieder neutrales Niveau erreicht. Stimmen klingen leicht warm, aber tonal echt und sauber artikuliert. Im folgenden unteren Hochton spielt der B100 entspannt und hintergründig. Die Senke lässt den Inear sanft, unanstrengend, allerdings auch einen Hauch matt klingen. Zudem kennzeichnet sich unser Testhörer in diesem Bereich durch eine Kanalungleichheit von rund 5 dB – schade und hoffentlich ein Einzelfall. Dem oberen Hochton entgegen gewinnt der B100 noch einmal etwas an Pegel und spielt einen angenehm präsenten Hochton und oberen Hochton, der dem Klangbild Luftigkeit verleiht.
Am oberen Ende des Frequenzspektrums überzeugt der Single BA durch den beachtlichen Pegel, den er bis gegen die obere Hörschwelle aufrecht halten kann. Auch der Tiefbass ist in Anbetracht des einzelnen Treibers sehr gut abgedeckt. Unterhalb von 40 Hz geht dem B100 dennoch zunehmend die Puste aus, was aber zumeist wenig stört.
Insgesamt ist die Abstimmung des B100 leicht warm, entspannt und wirklich sehr ausgeglichen; das Brainwavz-Team hat hier eine Menge Feingefühl bewiesen. Insbesondere kann der B100 mit seinem gut dosierten Bass und nahezu neutralen oberen Mittelton punkten. Der warme Gundton und der dezente Hochton verleihen dem Single BA eine entspannte Note und eine langzeittaugliche Abstimmung. Trotz des warmen Timbres klingen Instrumente und Stimmen glaubhaft und tonal korrekt. Die stattliche Reichweite im Hochton rundet das Gesamtpaket ab.

Frequenzgang / Frequency response measurement Brainwavz B100

Auch qualitativ hat der Brainvawz B100 einiges zu bieten. Der Single BA besticht durch eine Auflösung, die so auch Inears im niedrigen dreistelligen Preisbereich würdig wäre. Die gelungene Abstimmung tut sein übriges und setzt die die technischen Qualitäten des Brainwavz gekonnt in Szene. Bässe spielt der B100 erstaunlich kontrolliert und trocken. Auch bei schnelleren Bassabfolgen behält der Single BA den Überblick und trennt einzelne Bassschläge deutlich voneinander. Hier profitiert der B100 nicht zuletzt von seiner nur moderat ausgeprägten Betonung im Bass und natürlich von der verwendeten Treiber-Technik. Auch der Stimmbereich wird nicht etwa von lauten Blubber-Bässen überdeckt, sondern klar artikuliert und gut aufgelöst wiedergegeben. Die Durchhörbarkeit ist trotz der entspannten Grundausrichtung auf sehr hohem Niveau, insbesondere angesichts der Preisklasse des Brainwavz. Auch teurere Inear-Konkurrenz sollte sich lieber warm anziehen.

Matchability:
Der Wirkungsgrad des B100 befindet sich ungefähr im unteren Mittelfeld, sodass er im Vergleich zu anderen Inears einen Hauch mehr Leistung benötigt. Dennoch ist er genügsamer als beispielsweise der wirkungsgradschwache PSB M4U 4. Die Leistungsreserven eines typischen Smartphones oder kleinen Audioplayers reichen also aus.
Um keine ungeplanten Klangveränderungen zu riskieren, ist ein Quellgerät mit niedriger Ausgangsimpedanz empfehlenswert. Der B100 kann bedenkenlos an Ausgängen mit bis zu 3,5 Ohm genutzt werden, ehe Veränderungen potentiell hörbar werden. Wie aus folgendem Diagramm sichtbar, reagiert der Single BA mit zunehmend hellerem Klang auf steigende Ausgangsimpedanz:

Brainwavz B100 Output Impedance reactions

Wie üblich zeigt die gelbe gerade Linie einen Ausgang mit 0 Ohm. Es folgen von oben nach unten 2, 4, 8, 16, 32 und schließlich 64 Ohm. Auf den ersten Blick wird klar: Hier ist Tuning-Potential verborgen! Der leicht warme Frequenzgang des B100 lässt sich durch gezieltes Erhöhen der Ausgangsimpedanz bzw. durch Einsetzen eines Vorwiderstands bewusst etwas abkühlen. Mit Werten um 32 Ohm (rot) lässt sich eine sehr neutrale Abstimmung erreichen. Höhere Werte, wie z.B. 64 Ohm (hellgrün), verleihen dem Brainwavz eine analytische Abstimmung. Im Zusammenspiel mit den 75 Ohm des Etymotic P to S Converter erinnert der Brainwavz tatsächlich etwas an die ER4-Abkömmlinge von Etymotic. In dem folgenden Diagramm sind die Frequenzgänge mit 32 Ohm und 64 Ohm Vorwiderstand noch einmal im Vergleich zur originalen Abstimmung gezeigt:

Brainwavz B100 Output Impedance reactions

Brainwavz B100 vs Shure SE215:
Der Shure SE215 erfreut sich seit Jahren großer Beliebtheit und ist vor allem aufgrund seiner Passform, Isolation und seiner gefälligen, warmen Abstimmung ein gerne empfohlener Inear. Mit einem Preis von rund 100€ bei Amazon und Thomann ist der Shure ungefähr doppelt so teuer wie der Brainwavz. Im Gegenzug kommt der SE215 mit massivem, wechselbarem Kabel, welches ebenfalls über dem Ohr getragen wird. Der B100 bringt dafür ein stabileres Case mit, das zudem geräumiger als das Soft-Case des SE215 ist. Beide Inears setzen auf ergonomisch geformte Gehäuse; der Brainwavz kann durch seine kleineren und bequemeren Gehäuse überzeugen, wohingegen der Shure besser gegen Außengeräusche abschottet.

Brainwavz B100 vs Shure SE215

Die ersten Töne zeigen, dass der B100 neutraler als sein amerikanischer Konkurrent abgestimmt ist. Beide teilen sich eine warme Grundausrichtung, die der Shure mit rund 5 dB mehr Bass stärker auslebt. Der weichere Tiefton des dynamischen Treibers wärmt das Klangbild zusätzlich an. Hingegen spielt der B100 einen kontrollierteren und schlankeren Bass. Seinen stärkeren Bass gleicht der SE215 durch den präsenteren oberen Mittelton etwas aus, spielt hier im Gegenzug aber anstrengender als der Brainwavz. Zudem verzichtet der B100 auf den 5 kHz Peak des Shure, was ihn im Vergleich harmonischer und runder klingen lässt. Dennoch präsentiert der B100 über das gesamte Spektrum musikalische Details feiner aufgelöst als der Shure.
Insgesamt übertrumpft der Brainwavz B100 den SE215 also mit seiner ausgeglicheneren Abstimmung sowie mit seiner klanglichen Gesamtperformance. Weiterhin ist der Shure SE215 durch sein wechselbares Kabel, die starke Isolation gegen Außengeräusche und seinen körperhafteren Bass attraktiv. Wer auf diese Tugenden verzichten kann, sollte allerdings zum ansonsten überlegenen B100 greifen.

Brainwavz B100 vs SoundMAGIC E50C:
Mit einem Preis von rund 70€ bei Amazon ist der SoundMAGIC ebenfalls teurer. Im Gegensatz zum B100 setzt der E50C auf die typische Patronen-Form, die dennoch das Tragen des Kabels über dem Ohr ermöglicht. Die Isolation ist bauartbedingt schlechter als beim ergonomisch geformten Brainwavz. Mit seinen sauber gefertigten Alu-Gehäusen spricht der E50C optisch mehr an als der schlichte B100; durch den hervorragenden Sitz im Ohr verzeiht man das dem Brainwavz allerdings gerne.

Frequenzgang / Frequency response measurement Brainwavz B100 vs Soundmagic E50C

Im Vergleich zum B100 klingt der E50C zunächst insgesamt etwas heller. Der Fokus im Bassbereich liegt auf den tiefen Regionen, während der Brainwavz einen breitbandig angehobenen Tiefton spielt. Insbesondere tiefe Bässe gibt der SoundMAGIC einige Dezibel lauter und energischer wieder, während sich das Blatt im oberen Bassbereich langsam wendet. So klingt auch der untere Mittelton des E50C kühler, als der des wärmer abgestimmten Brainwavz. Das Bild setzt sich im Hochton fort, den der SoundMAGIC stellenweise mehr als 15 dB präsenter auslebt. Der SoundMAGIC zeigt insgesamt eine spritzigere Abstimmung, während der Brainwavz mit mehr Neutralität überzeugen kann. Hinsichtlich der Klangqualität halten wir große Stücke auf den SoundMAGIC E50C, wodurch sich der Inear Ende 2016 bereits einen unserer Awards sichern konnte. Von daher ist es ein großes Kompliment, dass wir den günstigeren B100 als mindestens ebenbürtig bezeichnen. Im Bassbereich sichert sich der Single BA den Vorsprung, indem er mit einem trockeneren und kontrollierteren Tiefton überzeugt. Auch im Mittelton liefert der B100 eine Messerspitze mehr Details als sein Konkurrent. Im Hochton greift dem E50C seine hiesige Betonung unter die Arme, sodass er Details deutlicher präsentieren kann.

Fazit:
Mit dem Brainwavz B100 ist dem Hersteller ein großer Wurf gelungen. Hier erhält man einen reinrassigen Single Balanced Armature zu einem ausgesprochen günstigen Preis, der von den ganz Großen der Inear-Zunft gelernt hat: Kabelführung über dem Ohr, außergewöhnlich bequeme ergonomische Gehäuse und eine so ausgeglichene Abstimmung haben wir für weniger als 50€ nicht erwartet. Brainwavz hat viel Feingefühl bei der Abstimmung des B100 bewiesen. Der moderat betonte Bass und die leicht warme Ausrichtung stehen dem Inear gut zu Gesicht ohne das Klangbild zu stark zu verfälschen. Ergebnis ist ein langzeittauglicher Inear, der klangliche Qualitäten liefert, die problemlos mit deutlich teureren Konkurrenten mithalten können. In letzter Zeit haben wir bereits einige Hörer im günstigen Preisbereich getestet, die uns mit ihrer Performance und herausragendem Preis-Leistungsverhältnis überzeugen konnten. Der Brainwavz B100 setzt die Messlatte wieder ein Stück höher.

Niklas

Über

Teilzeit Fotograf, teilzeit Autor und vollzeit Audiophil – als Mitgründer von Headflux dreht sich immer alles um das Thema HiFi. Schreibt Niklas gerade mal keinen Artikel, dann macht er wahrscheinlich Fotos des neusten Audio-Gears.

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