PSB M4U 4

PSB M4U 4

Die Kanadier von PSB Speakers sind, wie der Name bereits vermuten lässt, im Lautsprecher-Segment zuhause. Aber auch der eine oder andere Kopfhörer trug in der Vergangenheit schon die Buchstaben PSB, die für Firmengründer Paul Barton und seine Frau Sue stehen. Mit dem PSB M4U 4 begibt sich das Traditionsunternehmen nun auf echtes Neuland und bietet erstmals seit dem über 40-jährigen bestehen einen Inear an. Ganz an aktuellen Trends orientiert muss es natürlich ein hybrider Inear sein, der dynamische und Balanced Armature (BA) Treiber miteinander kombiniert. Hierzu setzt PSB jeweils einen dynamischen und einen BA Treiber pro Seite ein, die über eine 2-Wege Frequenzweiche in Einklang gebracht werden.

Zu haben ist der M4U 4 unter anderem über Amazon für aktuell rund 350€. PSB listet den M4U 4 für 329€ im hauseigenen Webshop. Auch Preis-Schnäppchen von knapp über 200€ sind keine Seltenheit – hierfür sollte man mal einen Blick in das Angebot auf eBay riskieren.
In der Umverpackung findet sich neben dem PSB ein weiches Case, das ruhig etwas größer und stabiler hätte ausfallen dürfen. Ebenfalls dabei ist ein zweites Kabel mit Mikrofon und Fernbedienung inklusive Made for iPhone Zertifizierung, welches das wechselbare Standardkabel bei Bedarf mobil ergänzt. Neben den üblichen Adaptern liegen noch jeweils 3 Paar Silikon-Tips und 3 Paar Foam-Tips von Comply bei. Die Silikon Aufsätze kennzeichnen sich durch eine unangenehme Verhärtung an der Spitze des Aufsatzes und ein ansonsten ungewöhnlich nachgiebiges Material. Wer nicht die mitgelieferten Foams nutzen möchte, sollte die Anschaffung anderer Silikon-Tips mit einkalkulieren.

Verarbeitung und Passform:
Der PSB M4U 4 setzt auf eine Kabelführung oberhalb des Ohrs sowie annähernd ergonomisch geformte Gehäuse. Durch die Länge des Schallrohres wird das Gehäuse selbst wohl nur in wenigen Ohren anliegen. Vielmehr generiert der M4U 4 den Halt über den Tip und sitzt dementsprechend eher locker, aber durchaus angenehm im Ohr. Auch kleinere Ohren können von dieser Konstruktion profitieren, da der Inear üblicherweise etwas aus dem Ohr heraussteht – etwaige Berührungspunkte werden somit vermieden. Dennoch sind die Schallröhrchen des PSB vergleichsweise dick.
Die Isolation des M4U 4 ist in Anbetracht der geringen Auflagefläche und der hybriden Treiber-Konfiguration erstaunlich gut. Vollständig ergonomische Konstruktionen, wie beispielsweise die des StageDiver 2 oder der Hörluchs Inears, schotten Außengeräusche allerdings noch konsequenter ab. Nichtsdestotrotz steht dem mobilen Einsatz des PSB nichts im Wege.
Mobile Inear-Nutzer wird auch die geringe Geräuschentwicklung bei Berührung des Kabels erfreuen. Das Kabel selbst fällt durch die weiche Ummantelung und den stattlichen Durchmesser auf. Erfreulich ist die geringe Neigung zu verheddern; optisch wenig ansprechend ist der schlichte, dünne Klinkenstecker aus schwarzem Kunststoff. Am Inear selbst wird das Kabel über ein proprietäres Steckersystem angeschlossen, das die Rotation des Steckers zulässt. Anders als bei den gängigen Stecker-Varianten, gestaltet sich das Beschaffen von Ersatzkabeln oder die Verwendung von Produkten anderer Hersteller durch den PSB-eigenen Konnektor unnötig kompliziert.
Am Rande sei erwähnt: PSB wirbt offiziell damit, dass sich der M4U 4 auch mit dem Kabel nach unten tragen lässt. Dazu werden durch Umstecken der Kabel das rechte und linke Gehäuse vertauscht und verkehrt herum in das jeweils gegenüberliegende Ohr gesetzt. Das erhöht nicht nur die Mikrophonie bei Berührung des Kabels, sondern sieht auch noch dämlich aus – aber es ist möglich.

PSB M4U 4

Klang:
Das Hybrid-Design des M4U 4 lässt bereits vermuten, dass PSB hier keinen neutral klingenden Inear anbietet. Vielmehr richtet sich der PSB an Freunde mitreißender Abstimmungen. Besonders im Tiefbass zeigt der Inear eindrucksvoll, warum sich die Kanadier für einen dynamischen Bass-Treiber entschieden haben: Bei guter Abdichtung im Gehörgang erreicht der Pegel schnell rund 10 dB mehr, als es neutral wäre. Nicht zuletzt dadurch vermittelt der Hybrid das typische Subwoofer-Feeling eines dynamischen Treibers. Gegen Mid- und Oberbass reduziert sich der Pegel wiederum recht schnell, sodass sich die Betonung hauptsächlich auf die wirklich tiefen Bässe auswirkt. Dadurch wirkt der M4U 4 nicht so bassstark, wie man beim Blick auf die Messung vermuten könnte. Besonders entscheidend für einen korrekt dargestellten Tiefton ist der richtige Tip, denn bei schlecht sitzendem Passstück kann einem der PSB M4U 4 schon fast schwach im Bass vorkommen.
Der untere Mittelton bleibt vom starken Tiefbass des PSB unbeeindruckt und spielt somit weitestgehend neutral mit leicht warmer Färbung. Den oberen Mittelton würzt PSB mit einer ordentlichen Portion Klarheit, die ihren Gipfel um 4 kHz findet. Rund 10 dB leistet sich der Inear hier an Betonung. In der Folge werden hohe Stimmanteile besonders deutlich herausgearbeitet, was Klarheit suggeriert und die subjektive Durchhörbarkeit enorm steigert. Im Gegenzug neigt der M4U 4 zu einer gewissen Schärfe und Betonung von S-Lauten, was teilweise zu einer sibilanten Wiedergabe führt – also nichts für schwache Nerven. Um 7 kHz trägt der PSB eine Senke, die dem Klang etwas Schärfe nimmt, bevor der Pegel zum oberen Hochton noch einmal stark ansteigt.
Insgesamt bewirkt die Berg- und Talfahrt einen spaßigen Klang mit wuchtigem Tiefbass, klarem Mittelton und präsentem Hochton. Insbesondere das Auf und Ab im Hochton verleiht dem PSB ein künstliches Timbre, sodass Musik im allgemeinen wenig authentisch präsentiert wird. Trotz der künstlich anmutenden Wiedergabe, funktioniert die Abstimmung des M4U 4 erstaunlich gut und ist trotz mangelnder Natürlichkeit in sich stimmig. Überzeugen kann der Inear damit vor allem bei hochwertig abgemischter Musik aus den Bereichen Elektro, Hip Hop und Metal. Minderwertige Produktionen mit Unsauberkeiten im Stimmbereich und Hochton werden zur Belastungsprobe für die Nerven.

Frequenzgang / Frequency response measurement PSB M4U 4

Wie für die Art des Treibers typisch, schwingt der dynamische Treiber des PSB M4U 4 Bässe länger aus. Der Tiefton wirkt somit weicher und weniger fest, als es für BA Treiber üblich wäre. Dennoch ist die Präzision, die der PSB im Tiefton liefert, auf einem durchaus ordentlichen Niveau, wenn er sich auch noch lange nicht mit der Präzision typischer BA Treiber messen kann. Die typischen Tugenden des BA Treiber weiß der M4U 4 durch seine hybride Konstruktion aber im übrigen Frequenzspektrum auszuspielen. Hier glänzt der Inear mit gutem Auflösungsvermögen. Insbesondere im Stimmbereich präsentiert der PSB subtile Details, was nicht zuletzt Folge der hier vordergründigen Abstimmung ist. Kleine Schwächen leistet sich der Hybrid im Hochton. Einerseits gestaltet sich der Übergang in den Hochton durch die spitze Senke um 7 kHz etwas ruppig – wir vermuten hier eine (möglicherweise gezielt eingesetzte) Phasenauslöschung. Mitunter lässt sich hier und in den umliegenden Frequenzbereichen eine gewisse Unsauberkeit heraushören, die allerdings auch nicht überbewertet werden sollte.
Die räumliche Darstellung des hybriden Inears kann überzeugen: Die Weite der virtuellen Bühne lässt sich im oberen Mittelfeld der Inear-Welt einordnen. Die Trennung einzelner Instrumente gelingt im oberen Spektrum gut, nimmt jedoch zum Bass hin spürbar ab. Hier liefert der dynamische Treiber typisches Grollen, das ganz klar seinen eigenen Reiz ausübt.

Wie lassen sich die technischen Qualitäten des PSB M4U 4 nun einordnen? Schwankende Preise machen die Einordung des kanadischen Inears im Umfeld der Konkurrenz nicht leicht. Für Preise oberhalb von 300€ lässt die gebotene Klangqualität zu Wünschen übrig – wirklich attraktiv wird der PSB im niedrigen 200€-Bereich. Hier kann er mit seinen Qualitäten glänzen.

PSB M4U 4

Matchability:
Der hybride PSB M4U 4 stellt geringe Anforderungen an das Wiedergabegerät. Der vergleichsweise niedrige Wirkungsgrad ermöglicht rauscharmes Hören an den meisten Geräten; im Gegenzug benötigt der PSB etwas mehr Pegel als vergleichbare Inears. Ein handelsübliches Smartphone bringt den Inear allerdings noch mühelos auf ohrenbetäubende Lautstärken, potente Audioplayer oder Verstärker natürlich erst recht.

PSB M4U 4 Output Impedance reactions

Die obere Grafik zeigt die Veränderungen des Frequenzgangs, die der PSB M4U 4 durch verschiedene Ausgangsimpedanzen erfährt. Die obere, gelbe Linie zeigt den Inear an einem 0 Ohm Ausgang, es folgen 2, 4, 8, 16, 32 und 64 Ohm. Selbst an hochohmigen Geräten zeigt der PSB kaum klangliche Veränderungen, was die Wahl des richtigen Zuspielers erleichtert. Um keine hörbaren Veränderungen zu riskieren, sollte die Ausgangsimpedanz nicht mehr als 8,6 Ohm betragen.

PSB M4U 4 vs InEar StageDiver 2:
Der PSB richtet sich klar an den Consumer, während der rund 380€ teure SD2 seine Wurzeln im Bühnen-Equipment hat. PSB legt dem M4U 4 ein Headset-Kabel bei, das man beim StageDiver vergeblich sucht. Stattdessen kommt der InEar in stabilem Peli Case mit hochwertigeren Tips und Cerumen-Filtern. Auch wenn der PSB bereits ordentlich isoliert, schotten die ergonomischen Gehäuse des SD2 Außengeräusche noch effektiver ab; zudem sitzen die Gehäuse stabiler im Ohr.

Frequenzgang / Frequency response measurement InEar StageDiver 2 vs PSB M4U 4

Die Abstimmung des M4U 4 ist merklich energischer als die des SD2. Bass, oberer Mittelton und Hochton erheben sich deutlich über die Quantität des StageDiver, der somit neutraler und weniger spektakulär als der Kanadier klingt. Im Tiefton trennen die Inears mitunter fast 10 dB, was dem PSB insbesondere einen stärkeren Tiefbass beschert. Der SD2 spielt den Bass sowohl zurückhaltender als auch qualitativ hochwertiger als der PSB, dessen Tiefton weicher ausklingt. Auch im Mittel- und Hochton behält der SD2 qualitativ die Oberhand und kann mit besserer Auflösung überzeugen. Insbesondere im Übergang zum Hochton verschenkt der M4U 4 wertvolles Potential und klingt somit unsauberer als der StageDiver. Je nachdem zu welchem Preis man den PSB ergatten kann, ist ihm dies aber gegenüber dem teureren StageDiver zu verzeihen. Dennoch zeigt der Vergleich, dass der M4U 4 nicht in der Liga des SD2 spielt.

Fazit:
Die Kanadier von PSB wagen sich mit dem M4U 4 erstmals in das Segment der Inears. Sein Debüt feiert das Traditionsunternehmen mit einer hybriden Kreation aus einem BA und einem dynamischen Treiber pro Seite. Für Verwirrung sorgt das Preisgefüge mit dem sich der potentielle Kunde konfrontiert sieht: Preise zwischen 200-350€ sind an der Tagesordnung, was uns die Einordnung des Inears erschwert. Unabhängig des Preises kann die Verarbeitung des M4U 4 und der beiden mitgelieferten Kabel überzeugen. Das magere Case und die beiliegenden Silikon-Tips gefallen weniger.
Klanglich entschied sich PSB für eine mitreißende Abstimmung mit angehobenem Tiefbass, oberen Mittelton und Hochton. Das Endergebnis klingt zwar etwas künstlich, ist in sich aber stimmig und weiß bei entsprechendem Musikmaterial zu gefallen. Hinsichtlich der Klangqualität leistet sich der M4U 4 kleinere Schnitzer, die man ihm je nach Preis mehr oder weniger bereitwillig verzeiht. Wer den PSB bei niedrigem Preisstand ergattern kann, erhält einen qualitativ hochwertigen Inear, der durch seine spaßige Abstimmung und ein dann wirklich gutes Preis-Leis­tungs-Ver­hält­nis überzeugt.

Niklas

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Teilzeit Fotograf, teilzeit Autor und vollzeit Audiophil – als Mitgründer von Headflux dreht sich immer alles um das Thema HiFi. Schreibt Niklas gerade mal keinen Artikel, dann macht er wahrscheinlich Fotos des neusten Audio-Gears.

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