Vision Ears VE8

Vision Ears VE8

Über 2000€ für einen Inear? Da fällt einem vor Schreck glatt der Beipack-Inear aus dem Ohr. Die Belegschaft der Kölner High End Schmiede fertigt bereits seit geraumer Zeit Inears, die preislich sozusagen am oberen Ende angesiedelt sind, damals noch unter dem Namen Compact Monitors. Seit 2013 führt man diese Tradition unter dem Label Vision Ears fort. Mit dem VE8 stößt man nun in neue Dimensionen vor. Konsequenterweise platziert sich die neue Kreation mit 8 Balanced Armature (BA) Treibern oberhalb des hauseigenen 6-Treibers VE6. Die Nummer 7 hat Vision Ears gleich einmal übersprungen, was schon fast eine Tradition der Kölner ist: So folgte auch auf den VE4 zunächst der VE6, während der VE5 später nachgereicht wurde. Darf man sich bald noch auf den VE7 freuen?
Zunächst „müssen“ wir mit dem brandneuen Vision Ears VE8 vorlieb nehmen, der seine Kraft aus ganzen 8 Treibern schöpft; genauer gesagt handelt es sich um 4 Doppeltreiber-Pakete. Ganze 2 Treiberpakete übernehmen den Hochton und je ein Paket den Mittel- und Tiefton. Die resultierenden 3 Wege werden über 2 akustische Wege zum Trommelfell geleitet. Die durchaus beeindruckenden technischen Spezifikation liefert Vision Ears ausschließlich im nach Maß gefertigten Gehäuse. Wie eingangs angedeutet sind dafür ab 2330€ fällig – mit diversen Extrawünschen, wie eigenem Artwork und extravaganten Materialien sowie Farben, werden es auch schnell ein paar hundert Euro mehr. Im Online-Konfigurator kann man seinen Ideen freien Lauf lassen: Online-Konfigurator
Ab Werk erhält man seinen VE8 in einem personalisierten Truhen-Case mit Soft-Pouch, 2 Trockenkapseln, Klinkenadapter sowie Reinigungsspray und -werkzeug.

Gehäuse nach Maß:
Da es sich bei dem VE8, wie bei jedem Inear von Vision Ears, um einen Custom-Inear handelt, müssen nach Bestellung zunächst Abdrücke des eigenen Ohrs angefertigt werden. Diese geben die Form des späteren Inears vor, was bei guter Ausführung einen perfekten Sitz garantiert. Wie Vision Ears einen Custom Inear herstellt, behandeln wir in diesem separaten Artikel. Bei unserem Review-Exemplar handelt es sich um einen Demo-Inear im universellen Gehäuse. Die Passform des 3D-gedruckten Inears gefällt uns aber so gut, dass wir uns ernsthaft fragen, warum Vision Ears keine universellen Hörer anbietet.

Vision Ears VE8 VE5 VE6 Xcontrol

Das mitgelieferte Kabel besteht aus 4 verdrillten Litzen. Das Kabelmaterial ist sehr hochwertig und angenehm flexibel. Mithilfe der mit einem dünnen Schlauch verstärkten Kabel-Enden erfolgt die Kabelführung über dem Ohr. Auf einen Draht wurde hier verzichtet. Die Geräusche, die das Kabel bei Berührung von sich gibt, sind dank der Kabelführung über dem Ohr und der hohen Qualität des Kabels sehr gering. Wahlweise kann das Kabel in einer schwarzen oder transparenten Variante geordert werden. Die transparente Variante lässt auf das silberne Innenleben blicken und gleicht optisch dem Litz Cable von ALO Audio, das unter anderem dem Campfire Audio Andromeda beiliegt. Wie bei dem ALO-Kabel lässt sich auch hier der Kinnschieber im Y-Splitter einrasten, während sich die Stecker der beiden Kabel unterscheiden.

Klang:
Nicht immer muss es neutral sein, ein bisschen Neutralität schadet aber nicht. Nach diesem Motto dürfte Vision Ears wohl den neuen VE8 designt haben. Neutral bezieht sich dabei vor allem auf den Mittelton, während Bass und Hochton mitreißender spielen dürfen. Im Tiefton gönnt sich der 8-Treiber eine Betonung von ca. 7-8 dB. Diese setzt bereits tief im untersten Bass an und bleibt bis in den kräftigen unteren Mittelton erhalten. Tiefen Stimmen verleiht das eine warme Einfärbung, sie klingen somit kraftvoll und voluminös. Der obere Mittelton beginnt nur knapp unterhalb der Zielkurve für neutrale Abstimmungen und hebt sich gegen unteren Hochton sogar darüber hinaus. Ergebnis ist ein nahezu neutraler oberer Mittelton mit sehr guter Durchhörbarkeit. Darüber hinaus spielt der VE8 eine präsenten unteren Hochton und würzt dadurch sein Klangbild mit einer ordentlichen Portion Klarheit. Diese Betonung hält der Vision Ears VE8 bis in den obersten Hochton aufrecht, verzichtet dabei aber auf etwaige Peaks oder Dips. Der dadurch sehr ebenmäßig angehobene Hochton klingt selten anstrengend, sondern vielmehr präsent aber ausgewogen. Zusammen mit dem angehobenen Bass und den annähernd neutralen Mitten formt Vision Ears einen gleichmäßigen, mitreißenden Klang – eine harmonische und durchweg gelungene Abstimmung. Besonders gut bringt der VE8 damit dünn und leblos abgemischte Stücke zur Geltung. Das Mehr an Bass, Wärme und Brillanz haucht so manch einem Klassiker neues Leben ein. Für Referenz-Stücke aus Hochglanz-Produktionen ist noch genug Restneutralität vorhanden; auch wenn ein neutralerer oder analytischer Hörer hier womöglich die bessere Figur macht, gibt sich der VE8 keine Blöße.

Frequenzgang / Frequency response measurement Vision Ears VE8

Der Tiefton des VE8 hat ein etwas weicheren, körperhaften Ausklang und erinnert dabei an die Charakteristik von dynamischen Treibern. Verantwortlich dafür ist der große, belüftete doppelte Basstreiber. Dennoch ist ausreichend Kontrolle und Präzision im Bass vorhanden, sodass einzelne Bässe nicht verzeichnen und präzise trennbar sind. Einen besonders festen Bassbereich können wir dem VE8 nicht attestieren – Subwoofer-Feeling mit einer Menge Oomph ist aber garantiert. So baut der Bass bereits in den tiefsten Regionen schon hörbar Druck und vermisst keinen Ton. Am oberen Ende des Spektrums kann der VE8 mit einem ebenfalls sehr gutem Hochtonumfang punkten. Der VE8 spielt in jeder Frequenz ausgesprochen souverän und löst durchweg hoch auf. Die Durchhörbarkeit subtiler Details ist insbesondere in Mittel- und Hochton auf Spitzen-Niveau. Anderes haben wir angesichts des Preises auch nicht erwartet.
Ergänzend zu der harmonischen Abstimmung präsentiert der Vision Ears VE8 eine harmonische, in alle Richtungen gleichmäßig ausgedehnte virtuelle Bühne. Instrumente sind sauber trennbar und werden rund um den Zuhörer angeordnet, während sich die Phantommitte in leichter Distanz nahtlos integriert.

Matchability:
Wer sich für einen High End Inear interessiert, der hat sicher auch ein geeignetes Wiedergabegerät zur Hand oder zumindest die Bereitschaft sich Adäquates anzuschaffen. Das trifft sich gut, da der VE8 gewisse Anforderungen an seinen Antrieb richtet. Zunächst spielt der 8 BA durch seinen hohen Wirkungsgrad bereits bei niedrigen Lautstärke-Einstellungen sehr laut. Das macht ihn empfindlich für Rauschen von Verstärkern, Audioplayern und anderen Quellgeräten. Der Rauschmagnet Campfire Audio Andromeda ist in diesen Belangen zwar noch etwas anfälliger, dennoch ist der VE8 ihm dicht auf den Fersen. Vorteil des hohen Wirkungsgrads liegt vor allem in den dadurch mühelos erreichbaren hohen Lautstärken, die im Bühneneinsatz gefragt sind.

Vision Ears VE8 Output Impedance reactions

Die obige Abbildung zeigt die Reaktionen des Vision Ears VE8 auf verschiedene Ausgangsimpedanzen. Die gelbe Linie symbolisiert einen Ausgang mit einer Impedanz von 0 Ohm. Unterhalb folgen die Reaktionen auf 2, 4, 8, 16, 32 und 64 Ohm relativ zur gelben Basis-Linie. Die Abbildung zeigt, dass der VE8 an hochohmigen Ausgängen dunkler spielt und vor allem im Bereich zwischen 3 und 4 kHz an Pegel verliert. Wir empfehlen Ausgänge von maximal 0,9 Ohm, um Klangveränderungen zu vermeiden.

Vision Ears VE8 vs Campfire Audio Andromeda:
Der Campfire Audio Andromeda ist mit einem Preis von rund 1300€ sicher kein günstiger Inear, dennoch sind für den VE8 mindestens 1000€ mehr fällig, als für seinen amerikanischen Konkurrenten. Vision Ears liefert den VE8 nur als maßgefertigten Custom-Inear, während Andromeda ausschließlich im universellen, und ohne Zweifel extravaganten, Alu-Gehäuse bestellbar ist. Mit dem nötigen Kleingeld lässt sich auch der VE8 besonders extravagant gestalten – auch bei den ausgefallensten Wünschen ist das Vision Ears Team sicher gerne behilflich. Das nach Maß gefertigte Endergebnis sollte dann auch bequemer sitzen und besser isolieren, als der scharfe Campfire.

Frequenzgang / Frequency response measurement Campfire Audio Andromeda vs Vision Ears VE8

Trennt die beiden Inears auch ein vierstelliger Betrag, lassen sich doch einige klangliche Gemeinsamkeiten ausmachen. Zunächst ähnelt sich die Abstimmung im Bass und unterem Mittelton sehr; beide Inears spielen einen betonten, mitreißenden Tiefton und einen kräftig-warmen unteren Mittelton. Der Campfire kann hier mit dem kontrollierteren Bass punkten ohne dabei Impact zu vermissen. Im oberen Mittelton spielt der VE8 vordergründiger und folglich neutraler als der Andromeda. Hohe Stimmanteile sind somit besser durchhörbar und Stimmen allgemein deutlicher artikuliert. Diese Charakteristik setzt der Vision Ears bis in den unteren Hochton fort, während der Campfire Audio hier hintergründig spielt und seinen Peak stattdessen im oberen Hochton trägt. In der Folge spielt Andromeda eine Messerspitze anstrengender. Das Auflösungsvermögen im Hochton beider Inears ist dennoch vergleichbar.

Vision Ears VE8 und Campfire Audio Andromeda

Fazit:
Der Vision Ears VE8 ist ein rundherum gelungener Custom-Monitor. Er besticht vor allem mit seiner sorgfältig kreierten Abstimmung, die mitreißend und dennoch sehr natürlich klingt. Die 8 BA Treiber liefern erstklassige klangliche Qualität, wenn auch einen eher weichen Tiefton. Gegnern des häufig als steril bezeichneten Balanced Armature Klangs kommt das sicherlich entgegen. Zu haben ist der VE8 ausschließlich als Custom, was perfekten Sitz und Isolation verspricht. Beim Design des eigenen Visions Ears sind kaum Grenzen gesetzt. Der stattliche Grundpreis des VE8 kann somit problemlos noch weiter nach oben schnellen. Ohnehin hat der VE8 harte Konkurrenz in der 1000€-Klasse, was auch die hauseigenen Hörer VE5 und VE6 mit einschließt. Der im Test angeführte Campfire Audio kann sich ebenfalls mit dem Vision Ears messen. Wer das für den VE8 zusätzlich erforderliche Kleingeld nicht vermisst, bekommt mit dem Vision Ears ein ausgesprochen ausgereiften Hörer mit absolut gelungener Abstimmung – handmade in Germany.

Weitere Reviews mit Bezug zum Vision Ears VE8

Niklas

Über

Teilzeit Fotograf, teilzeit Autor und vollzeit Audiophil – als Mitgründer von Headflux dreht sich immer alles um das Thema HiFi. Schreibt Niklas gerade mal keinen Artikel, dann macht er wahrscheinlich Fotos des neusten Audio-Gears.

Siehe alle Beiträge von

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.