So entsteht ein Custom Inear: Ein Besuch bei Vision Ears in Köln

Vision Ears Custom Inear Herstellung

Maßgefertigte Inears – geläufiger unter dem englischen Terminus CIEM (Custom In-Ear Monitors) – gewinnen zunehmend an Popularität. Vor einigen Jahren war dies noch anders, als Ultimate Ears, Jerry Harvey und Compact Monitors zwar noch die High-End Produkte anführten, universelle Ohrhörer aus der Massenproduktion aber noch weniger als den halben Preis verlangten. Diese Preisdifferenz wurde mittlerweile fast schon geschlossen. Eine Maßanfertigung muss nicht mehr unbedingt mehr als ein guter universeller Ohrhörer wie der Campfire Andromeda oder InEar ProPhile 8 kosten.
Das ist Grund genug sich einmal anzuschauen, wie ein nach Maß gefertigter Inear überhaupt ensteht. Wie bekommt der Inear seine Form? Wie kommt die Technik in den Custom? Zur Beantwortung dieser und weiter Fragen sind wir zu Gast bei den Spezialisten von Vision Ears in Köln.
Dem neusten Coup der Kölner, dem VE8, haben wir bereits ein Review gewidmet: Vision Ears VE8

Das ist Vision Ears
Vision Ears Custom Inear Herstellung

Die deutsche Firma VE gibt es erst seit 2013. Entstanden ist sie bei der Aufspaltung von Compact Monitors, den bis dahin womöglich reputabelsten deutschen Vertreter des Monitoring. Seitdem gehen die Unternehmen Rhines und Vision Ears getrennte Wege. Zwar ist die Marke Vision Ears noch recht jung, dennoch hat das Team langjährige Erfahrung in der Herstellung maßgefertigter Inears. Es wohl gibt kaum ein Labor, bei dem man bei der Herstellung von CIEM lieber über die Schulter schauen möchte.

Die beiden Geschäftsführer und Gründer von Vision Ears sind Amin Karimpour (Bild oben) und Marcel Schoenen (Bild unten). Marcel blickt auf viele Jahre als Musiker zurück, während Armin durch seine Begeisterung für Produktdesign zu Custom Inears fand.

Vision Ears Custom Inear Herstellung

Vision Ears haben ihren Ursprungsort nicht aufgegeben und befinden sich weiterhin in Köln. Per Bahn ist der Hauptsitz bei Köln Süd besonders einfach zu erreichen. Gäste und Kunden werden freundlich empfangen und finden auf einer zweiten Etage sogar einen ruhigen Anhörraum mit Demo-Pult und gemütlicher Sitzecke. Interessenten empfehlen wir auf jeden Fall vorbei zu schauen.

Wer weiter weg wohnt, findet hoffentlich über die Händlerseite einen örtlichen Partner. Ansonsten gibt es auch einen Online-Konfigurator, der beim Zusammenstellen des Wunschhörers hilft.

Vision Ears Custom Inear Herstellung

Herstellung nach Maß
Vorbereitung
Wenn man einen maßgefertigten Ohrhörer erwerben möchte, ist es natürlich unausweichlich, dass der Hersteller über die individuelle Ohranatomie informiert ist. Dies geht zur Zeit kaum besser als mit traditioneller Formmasse, die in den Ohrkanal gespritzt wird und in wenigen Minuten aushärtet. Das Verfahren wurde von der Hörgeräteakustik übernommen, unterscheidet sich jedoch geringfügig über das Aufspritzen bis zum Außenohr. Ein Hörgerät möchte man möglichst im Gehörgang verstecken, der CIEM nimmt jedoch wesentlich mehr Platz in Anspruch.

Vision Ears Custom Inear Herstellung

Während die Masse die Forminformationen speichert, sollte man seinen Kiefer möglichst wenig bewegen. Manche Hersteller empfehlen dazu auf einen Knochen zu beißen, jedoch ist diese Mundposition eher unnatürlich, es sei denn man ist jener Bühnenentertainer, der über Stunden das Mikrofon anschreit. Ich habe bisher drei CIEM anfertigen lassen und den Mund dabei ganz natürlich entspannt harren lassen. Es funktioniert auf jeden Fall auch ohne und VE haben mir geraten den Mund einfach nur entspannt zu lassen.

Vision Ears Custom Inear Herstellung

Angst muss man übrigens keine haben. Die Knetmasse ist beim ersten Mal vielleicht etwas unangenehm, Schmerz werden die Nerven jedoch zu keiner Zeit ans Gehirn melden. Normalerweise werden kleine Schaumstoffbällchen mit langem Faden vorher ins Ohr gesetzt, die verhindern, dass sich die Masse zu tief ins Innenohr ausbreitet. Wichtig für die Herstellung ist die Information bis über den zweiten Knick im Gehörgang. Damit kann der ideale Schaullaustritt des Inears ermittelt werden.
Dennoch versuchen manche Hersteller – wie z.B. UE – mit Hilfe von 3D Lasertechnologie einen digitalen Scan zu erstellen und sich somit Vorteile zu verschaffen. Derzeit ist die Technik jedoch noch nicht weit genug vorangeschritten und teils fehleranfällig. So wird Ohrenschmalz derzeit noch nicht immer als solcher erkannt und der eigentliche Scan dauert auch noch mehrere Minuten. Die Vorteile sind somit noch sehr gering, auch wenn das Thema in Zukunft interessant bleibt.
Ob man sich für die Abdrucknahme an den Hersteller persönlich wendet oder einen Hörgeräteakustiker aufsucht sollte im Normalfall keine Rolle spielen. Um sicherzugehen, dass die dritte Partei keinen Fehler macht, empfiehlt es sich eine Anleitung vorzuzeigen. Viel mehr als 20 € sollte die Abdrucknahme beim Drittanbieter übrigens nicht kosten.
Nun kann die Vorfreude beginnen. Es empfiehlt sich, sich über die optischen Anpassungsoptionen zu informieren. Schwarz ist zwar sexy, aber das kann doch jeder. Entweder bietet der Händler einen Bogen zum Ausfüllen an oder man setzt sich an einen PC und ruft den Konfigurator auf.

Schritt 1: Überarbeitung der Abdruckmasse
Vision Ears Custom Inear Herstellung

Der Hersteller – in diesem Falle Vision Ears – erhält euren Abdruck vom Ohr. Überschüssiges Material wird entfernt und eventuell werden Kleinigkeiten nachgebessert, z.B. wenn Luftlöcher auszustopfen sind. Die Masse wird am Schleifgerät aufpoliert und für den nächsten Schritt aufbereitet.

Schritt 2: Erstellung der Negativform
Vision Ears Custom Inear Herstellung

Der Abdruck sollte jetzt theoretisch schon bequem im Ohr sitzen und gut abdichten, allerdings bietet sich die Masse keinesfalls für den Einbau der Technik an. Das Material muss ausgetauscht werden und das kann über zwei Möglichkeiten geschehen: Entweder scannt man den aufbereiteten Abdruck in einer 3D Software, um ihn schließlich an einen 3D-Drucker zu übergeben, oder man erstellt ganz traditionell eine Negativform, die aufgegossen werden kann. In unserem Beispiel wählen wir den mühseligeren und weiter verbreiteten Weg und gießen die Abformung ab. Echte deutsche Handarbeit eben.

Vision Ears Custom Inear Herstellung

Der Abdruck wird zuerst mit Wachs überzogen. Das hat den Vorteil, dass sich die Masse sich nicht weiter ausdehnt und auch, dass sich der Abdruck gleich leichter nach dem Guss trennen lässt. In einem Zylinder wird die bewachste Form mit Dubliermasse aufgegossen. Die Masse speichert die Form relativ schnell, bewahrt aber einen weichen Zustand. Der originale Ohrabdruck lässt sich einfach befreien und es bleibt eine Nachbildung vom eigenen Gehörgang. Die wabbelnde Dubliermasse erinnert an Wackelpudding, der etwas zu viel Gelatine abbekommen hat. Wenn man dem Verlangen zum Naschen widerstehen kann, hat man sehr gute Voraussetzungen, um mit der Herstellung des tatsächlichen Ohrhörers zu beginnen.

Schritt 3: Aufgießen der Negativform
Vision Ears Custom Inear Herstellung

Hier greift bereits die individuelle optische Anpassung ein. Kunden dürfen sich für eine von vielen Gehäusefarben entscheiden. Jede Farbe hat ein eigenes chemisches Rezept. Die Negativform wird mit farbigem Lichtpolymerisat aufgegossen. Unter UV-Licht härtet das Material aus. Die Farben benötigen unterschiedlich lange zum Aushärten. Allerdings ist es wichtig, dass am Ende nur eine Schale übrig bleibt. Es sollen also nur maximal 1 mm von der Außenseite aushärten. Übrige Flüssigkeit wird zurück gegossen. Mit der Schleifmaschine wird überstehendes Material entfernt und optisch nachgebessert.

Vision Ears Custom Inear Herstellung

Am üblichsten sind Gehäuse aus Acryl. Zwar gibt es oft Anfragen nach weichem Silikon, doch wer sich mal an ein Gehäuse aus Acryl gewöhnt hat oder mal mit einer Reparatur zu kämpfen hatte, wird diese Option vermutlich nicht mehr vorziehen. Die Haltbarkeit und Widerstandsfähigkeit von gehärtetem Acryl wird nicht erreicht.

Vision Ears Custom Inear Herstellung

Bei Vision Ears wird direkt nach Befreiung der Schale die untere Spitze, also der tiefste Punkte im Ohr, nochmals aufgegossen. Der Schallaustritt wird schließlich manuell mit einem Bohrgerät frei gesetzt. Die Innenseite der Schale wird anschließend auslackiert. Dies schützt vor Verschmutzung und wirkt optisch wie eine Politur. Ist auch der Schutzlack ausgetrocknet, ist das Gehäuse schon bereit, um mit der Audiotechnik bestückt zu werden.

Schritt 4: Vorbereitung der Technik
Ein gutes Monitoring-System ist meistens sehr aufwändig konfiguriert. Die Zusammensetzung der Treiber, der Filter und der Tubes ist nicht trivial. Hinzu kommen Widerstände und Kondensatoren, die die Frequenzweichen der Inears bilden. Bei mehreren Komponenten empfiehlt sich so viel wie möglich vorzubereiten und organisiert abzulegen.

Vision Ears Custom Inear Herstellung

Bei manchen Hörern hat Vision Ears die Frequenzweichen auf einem winzigen PCB vorbereitet. Dies spart Zeit und minimiert potentielle Fehler. Sieht zudem in einem transparenten Gehäuse sehr schön aus.

Schritt 5: Einbau der Technik
Vision Ears Custom Inear Herstellung

Jetzt wird der Monitor zum ersten Mal richtig attraktiv. Ins offene Gehäuse werden die Schallschläuche gelegt, Treiber untereinander verbunden und an die übrigen Komponenten verlötet. Der zuverlässige 2-Pin-Anschluss darf natürlich nicht fehlen. Besonders bei transparenten Gehäusen achtet man auch darauf, dass zu lange Litzen gekürzt und sauber verlegt werden. Durch die individuelle Ohranatomie eines jeden Kunden, wird hier viel Abwechslung geboten. Vision Ears kann auch nicht garantieren, dass jedes Modell in jeden Abdruck passt. Beim VE8 findet z.B. schon sehr viel Technik den Weg in die Schale. Zu weit aus dem Ohr herausragen, darf der fertige Inear nicht. Das erfüllt nicht die Ansprüche professioneller Kunden, die oft vor der Kamera stehen. Zum Glück tritt dies noch sehr selten ein. Wenn der Trend zu mehr Treibern jedoch weiterhin zunimmt, sollte man sich auf mögliche Restriktionen einstellen.
Wurde die Technik eingebaut und auf Funktion überprüft, wird sie teilweise eingegossen um die Position zu befestigen. Somit wird Schäden durch Stöße vorgebeugt. Der Innenraum wird jedoch nicht bis oben aufgefüllt. Zugang zur Technik soll im Falle einer Reparatur trotzdem erhalten bleiben. Natürlich muss auch beachtet werden, dass eventuelle Lüftungsschlitze von Treibern frei bleiben.

Schritt 6: Die Faceplate
Der Monitor lebt bereits und ist funktionsfähig. Nun muss die Technik noch beschützt werden. Die sogenannte Faceplate wird angebracht. Der Name kommt daher, da nur diese Fläche sichtbar ist, wenn der Monitor getragen wird. Gemeint ist also die Fläche im technischen Sinne und nicht das Gesicht. Obwohl letzteres idiomatisch betrachtet auch nicht so verkehrt wäre. Die Fläche erlaubt nämlich den größten Umfang an persönlicher Gestaltung und gibt dem CIEM also quasi ein Gesicht. Je nach Kundenwunsch hat diese eine andere Farbe oder sogar ein anderes Material. Spiegelflächen, Holz, Perlmutt, u.v.m. ist denkbar. Zusätzlich ist es kein Problem sein eigenes Artwork nach außen zu präsentieren. Zur Verfügung steht dafür ein präziser Gravur-Laser. Natürlich ist mit unterschiedlich hohen Aufpreisen zu rechnen. Die persönliche Anpassung findet ihre Vollendung bei der namentlichen Beschriftung auf der Innenseite der Ohrhörer.

Schritt 7: Endlackierung
Vision Ears Custom Inear Herstellung

Wie in Schritt 3, muss auch die Außenseite der Monitore beschützt werden. Die Hörer werden mit einem bestimmten Lack überzogen, der praktischerweise auch vor Kratzern schützt. So bleiben z.B. auch Faceplates aus Holz lange beständig. Nach einem letzten Qualitätscheck, werden das Kabel angebracht und das Zubehör zusammen gelegt. Nun sind die CIEM entweder für den Versand oder zur Abholung bereit.
Oft dauert ein solcher Vorgang vom Eingang des Auftrags bis zur Fertigstellung übrigens mehrere Wochen. Dies hängt natürlich von der Nachfrage ab, ein solcher Vorgang ist jedoch nicht trivial. Die Handarbeit durch eine Massenproduktion zu ersetzen scheint derzeit noch unvorstellbar. Mit längeren Wartezeiten muss sich also jeder Interessent abfinden – aber Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude.

Klaus

Über

Als anerkanntes Mitglied des HiFi-Forums blickt Klaus auf jahrelange Kopfhörer-Erfahrung zurück. Durch enge Kontakte zur Szene, war er bereits vielfach als Mediengestalter für die Branche tätig. Auch als Autor und Fotograf ist er kein unbeschriebenes Blatt – so mussten sich bereits unzählige Kopfhörer, Inears und Verstärker seinem kritischen Urteil unterziehen.

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Ein Kommentar zum Beitrag “So entsteht ein Custom Inear: Ein Besuch bei Vision Ears in Köln

  1. Danke für diesen informativen Artikel und die sehr schönen Bilder dazu. Ich habe vor ca. 1,5 Jahren mit dem Einstiegsmodell von Vision Ears den Schritt in Richtung CIEM gewagt und bin immer noch begeistert von Klang, Tragekomfort sowie Optik und Verarbeitungsqualität. Das Upgrade zu einem höherwertigeren Hörer wird sicher irgendwann im Laufe der nächsten Jahre kommen – und auch dann gerne wieder von den Kölnern.

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