MoonDrop Kanas Pro Edition

MoonDrop Kanas Pro Edition

Der chinesische Hersteller 水月雨 (MoonDrop) ist im asiatischen Kopfhörerkreis ein relativ beliebter Underdog. Die noch recht junge Firma zeigt sich ambitioniert und experimentierfreudig, orientiert sich auf dem Markt jedoch an den kompromisslosem HiFi-Freund. Von offenen Earbuds, Dynamikern, Hybriden, Multi-BA bis über Maßanfertigungen wird alles zu relativ fairen Preisen angeboten. Unsere Aufmerksamkeit bekommt zunächst der Universal-Inear MoonDrop Kanas Pro Edition mit einzelnem dynamischen Treiber. Erhältlich ist er z.B. bei AliExpress für ca. 180 USD (zzgl. Einfuhrabgaben).
Im metallenem Gehäuse des Kanas werkelt ein einziger dynamischer Wandler, der besonders pegelfest sein soll. Der 10mm große Treiber wird aus Diamond-like Carbon (DLC) hergestellt und soll dadurch sehr gute Messwerte mit extrem niedrigem Klirr erreichen. Dieses Herzstück teilt sich der Kanas Pro Edition (auch KPE abgekürzt) mit seinem günstigeren Vorgänger, der nur Kanas heißt. Bei der Abstimmung setzt der KPE auf annähernde Neutralität und hält sich im Bassbereich gegenüber dem normalen Kanas etwas mehr zurück. Ausgestattet wird die Pro Edition außerdem mit einem abnehmbaren 2-Pin 0.78mm Kabel der Firma Lyre Acoustics, das bei seinen acht geflochtenen Strängen auf kupferkaschiertes Aluminium setzt. Die einzelnen Stränge sind sehr dünn und das Kabel ist insgesamt sehr flexibel ohne zu versteifen.

Der Lieferumfang ist recht übersichtlich. Es werden weiße Silikonaufsätze in 3 Größen beigelegt. Ein kleines Stofftäschchen soll bei der Aufbewahrung helfen, jedoch finde ich dieses viel zu klein geraten. Ich empfehle Interessenten sich aus anderer Quelle ein brauchbares Etui zu besorgen. Auch sind die separat erhältlichen SpinFit CP-145 eine Empfehlung wert. Den besten Sitz und harmonischsten Klang habe ich mit den MandarinES Symbio WS Aufsätzen erreicht. Im Gegensatz zu den mitgelieferten Aufsätzen, erlauben diese ein tieferes Einsetzen und eine stärkere Abdichtung vor Umgebungslärm.

MoonDrop Kanas Pro Edition Box

Verarbeitung & Design
Der Ohrhörer präsentiert sich mit einem hochreflektierenden, polierten Metallgehäuse, das aus zwei Hälften zusammengesetzt wurde. Im Sonnenlicht erinnern die Reflektionen zurecht an Ohrschmuck. Nutzer, die jedoch nicht gerne Aufmerksamkeit auf sich ziehen, halten sich also besser im Schatten auf. Die Produktbezeichnung ist in kleinen Schriftbuchstaben nach außen sichtbar eingraviert. Am Schallaustritt verhindert ein feines Metallgitter das Eindringen von Schmutz. Auch nach mehrwöchiger täglicher Nutzung sind noch keine Kratzer oder andere sichtbare Abnutzungen zu erkennen und das Gehäuse scheint somit kratzunempfindlich zu sein.
Bei der Gehäuseform setzt MoonDrop auf weiche Kanten. Zwar ist das Metall bei erster Berührung etwas kalt, doch nach einer Weile sitzt der Inear bequem im Ohr. Dabei werden – wie mittlerweile üblich – die Kabel für zusätzlichen Halt über die Ohren gelegt. Der Schallaustritt ist im Vergleich zu anderen Inears etwas länger, was sich auf den Komfort jedoch nicht merkbar auswirkt.

Sound
Der Kanas Pro versucht ein neutraler Referenzhörer zu sein. Zumindest in dem Rahmen, dass er allgemeine Gefälligkeit erreichen kann ohne sich Attribute wie analytisch, hell oder steril einzufangen. Dafür hat MoonDrop die Klangsignatur leicht ins Warme gekippt, scharfe Frequenzbereiche entkräftet und eine leichte Bassbetonung tief in die untersten Frequenzen angesetzt.

Bass
Meiner Meinung nach ist der Bass klar angehoben, jedoch nicht bis zu dem Pegel, dass er andere Frequenzen überlagern könnte. Interessant ist die zwar homogene, aber doch recht tief sitzende Betonung im Bass. Dadurch wirken die niedrigen Frequenzen keinesfalls dick oder vordergründig, sondern beeindrucken durch auffällige Grobdynamik in dem Sinne, dass akustische Instrumenten und Stimmen von der Verfärbung befreit sind, aber dramatische Stücke oder auch elektrisch erzeugte Beats mit starkem Druck daherkommen.
Das lässt Aufnahmen unterschiedlich aufleben und der MoonDrop zeigt sich so gesehen anpassungsfähig bei unterschiedlichem Quellmaterial. Gerade im Bass zeigt sich die technische Herkunft des Wandlers, denn auch mit sehr niedriger Verzerrung haben die untersten Frequenzen das typische Volumen und die körperhafte Darstellung eines dynamischen Treibers. Monitore mit BA-Receivern zeigen sich hier oft trockener und auch detaillierter. Statt mit hoher Textur zu beeindrucken, setzt der Kanas Pro auf Spaß und gelegentliches Magengrummeln. So sind selbst Zupfer an Saiten einer Bassgitarre fast physisch zu spüren. Was von der Beschreibung her nach einem übertriebenen Bassbereich klingt, sind bei ca. 100 Hz tatsächlich nur wenige dB oberhalb der Referenzkurve. Der Druck kommt hauptsächlich von unterhalb. Der KPE fällt meinem Ermessen nach genau unter die Sparte, bei der HiFi-Puristen von einem starken Bass sprechen und viele Consumer sich eventuell sogar über fehlende Bassquantität beschweren könnten. Hier hat MoonDrop eine geschmackvolle Dosis erwischt, die Spaß macht und bei der sich der Bass nicht als Hauptmerkmal des Inears entpuppt. Die Stärken des Kanas Pro sehe ich persönlich nämlich  eher in den Mitten.

MoonDrop Kanas Pro Edition

Mitten
Stimmen und mittlere Frequenzen im Allgemeinen sind im Pegel nicht zurückgenommen und auch tonal nicht verfärbt. Hier kommt die Bezeichnung „Pro“ zum Einsatz, mit der MoonDrop eine Anlehnung an den professionellen Musikbereich unterstreicht und so den Einsatz auch fürs Monitoring vorsieht. Tatsächlich erscheinen mir Stimmen von auffälligen Verbiegungen befreit. Tonal korrekt, aber keineswegs „platt“, präsentieren sich voluminöse und körpervolle Instrumente, die für meine Ohren alle sehr realistisch reproduziert werden. Es fällt mir schwer nicht dem inhaltslosem Geschwurbel zu verfallen, denn Adjektive die mir zur Charakteristik einfallen, sind tatsächlich solche, wie man in Marketing-Texten gerne wiederfindet.
Im Vergleich zu Referenzen wie dem Etymotic ER4 ist der Präsenzbereich und der Übergang zum Hochton eine Winzigkeit vorsichtiger. Dadurch springen einen die Mitten nicht sofort an, werden jedoch auch über längere Zeit hinweg nicht anstrengend.

Höhen
Im unteren Hochton weist der Kanas Pro eine Senke auf, die im Vergleich zum regulären Kanas weniger ausgeprägt sein soll. Zwischen 6-7 kHz lässt der Dynamiker etwas Präsenz vermissen, was eventuell sogar beabsichtigt war, um scharfe S-Laute zu umgehen. Bei laufender Musik fällt dies nicht besonders auf, doch fehlen dem Kanas vielleicht auch deshalb die Separation und vordergründigen Mikrodetails eines InEar ProPhile 8.
Stattdessen zieht der KPE bei 12-13 kHz an. Das Hervorbringen der Obertöne kann manchmal etwas bessere Auflösung vortäuschen, kann aber ebenso auch etwas kratzig klingen. Die Präsentation erinnert an die Beschreibung Vieler, die meinen Artefakte einer MP3 heraushören zu können. Tatsächlich fällt diese Verfärbung im Hochton bei hochwertigen Aufnahmen nicht auf, was aber unabhängig vom Dateiformat ist, sondern wenn überhaupt an der Dynamikkompression im Master liegt. Wirklich störend ist diese Art der Präsentation jedoch nicht. Wenn überhaupt, klingen Trompeten etwas heller als erwartet. Die Peaks und Senken sind insgesamt im durchschnittlichen Bereich und sollten den meisten Anwendern nicht negativ auffallen. Tatsächlich finde ich die Performance vieler wesentlich teureren Ohrhörer (sogar oberhalb von 1.000 €) ebenbürtig – nur eben nicht ebenbürtig mit den Besten.

Messung
Auf dem IEC 60318-4 Kuppler gesetzt, ergibt sich für den MoonDrop Kanas Pro Edition der abgebildete Frequenzgang – selbstverständlich unkompensiert und wie immer kaum geglättet. Die gemessene Bassquantität übertrifft etwas meine subjektiven Eindrücke. Eventuell hat der Kanas auf der Messanlage eine bessere Abdichtung als in meinen Ohren. Gut zu erkennen ist jedoch die Anhebung im Tiefbass, die dafür sorgt, dass Informationen aus untersten Frequenzen der Aufnahme auf jeden Fall auch das Ohr erreichen. Die Anhebung zwischen 1-3 kHz ist gut gelungen und reproduziert – mit Ausnahme von einer kleinen fehlenden 3k-Spitze – die Verstärkung vom Außenohr. Bei der gezeigten Spitze bei 7,5 kHz handelt es sich um eine Gehörgangsresonanz, die bauartbedingt jeder Inear mehr oder weniger ähnlich zeigt. Diese fällt bei jedem Anwender etwas anders aus und ist stark von der Sitzposition im Ohr abhängig. In meinen Ohren wandert die Spitze auf 9 kHz und schließt somit auch die gezeigte Absenkung um 10 kHz. Insgesamt verläuft die subjektiv empfundene Kurve mit nur leichteren Abweichungen relativ nah an der Referenzkurve.

IEC 60318-4 Frequenzgang / Frequency response measurement MoonDrop Kanas Pro Edition

Auflösung und Raumklang
Wie schon angedeutet, habe ich persönlich den Eindruck, dass viele Inears, die mit (mehreren) BA-Treibern werkeln, eine trockenere und detailliertere Präsentation abliefern. Auch der Kanas Pro klingt im Vergleich etwas schmalziger und grobdynamischer, hat es aber auf allen meiner Testliedern geschafft auch die kleinen Details aufzuzeigen, auf die ich auch bei anderen Reviews achte. Zu meiner Überraschung hat der KPE alle gedoppelten Stimmen, Aufnahmefehler und Mastering-Fauxpas – besonders in den Mitten – ohne Probleme aufzeigen können, was selbst den teuersten Inears in meinen Ohren nicht immer gelingt. Dabei klingt er dennoch unaufgeregt weich. Den einzigen technischen Nachteil sehe ich bei Celli, Kontrabässen oder anderen tieffrequenten Streichern. Statt das Ziehen des Bogens über die Saiten fein dazustellen, ist eher eine physische Präsenz spürbar. Diese macht sich wiederum bei bombastischen Orgeln oder bei elektronischer Tanzmusik positiv bemerkbar.
Das Gehäuse vom Kanas ist nicht komplett geschlossen. Das hilft dabei den Eindruck vom Raum in die Weite zu vergrößern. Im Vergleich zu vielen anderen dynamischen Inears weist der Kanas keine allzu auffällige Badewannenabstimmung auf, weshalb der Raum eventuell etwas an Tiefe vermissen lässt. Für mich wahren gerade Stimmen noch eine angenehme Distanz und können trotzdem, wenn verlangt, intim sein. Der Raumklang fällt meines Erachtens weder als klein, noch als besonders groß aus.

MoonDrop Kanas Pro Edition

Im Vergleich und Alternativen
Eigentlich haben sich meine Ohren über die Jahre fest auf Inears mit BA-Treibern eingeschossen. Zu oft bin ich entsetzt über die übertriebene Bombast-Präsentationen von anderen Dynamikern – unabhängig vom Preis (Siehe Impressionen zur Münchner High-End). Deswegen fehlt mir für diesen Bericht auch eine faire Konkurrenz mit ähnlichem Aufbau in der gleichen Preisklasse. Nur vage kann ich mich noch an den damals sehr populären VSonic GR07 erinnern, der mir vor einigen Jahren auch positiv in Erinnerung geblieben ist. Mit dem beyerdynamic Xelento habe ich leider noch keine ruhige Stunde verbringen können.

Grundsätzlich ist ein Vergleich mit dem Budget-King Sony MH1 gerechtfertigt (Frequenzgang-Messung). Die Präsentation ist durchaus bei beiden vergleichbar, nur ist der Sony deutlich wärmer und klingt insgesamt weicher. Obwohl der kleine MH1 weit besser spielt als es sein Preis vermuten lassen würde, schafft er es nicht die Mikrodetails aufzudecken, die der Kanas Pro locker aus dem Ärmel schüttet. Fans vom MH1 kann ich den KPE als Upgrade absolut und ohne Bedenken empfehlen.

Der zweite und letzte Dynamiker, der es bisher auf die Liste meiner Lieblings-IEM geschafft hat, ist der Final E2000 (Frequenzgang-Messung). Auch wesentlich günstiger als der Kanas (Pro), spielt er nicht annähernd auf dem gleichen Niveau was die Auflösung betrifft. Im Gegensatz zum MH1 hat der Final Audio eine etwas andere Abstimmung, bei der ein punchiger Bass das Gegengewicht zu einem minimal hellen Hochton bildet. Der Kanas Pro wirkt besonders im Bass kohärenter und überzeugt mit schneller abklingenden Becken. Technisch gewinnt er das Duell locker. Dafür kann der E2000 mit hohem Komfort und den vielleicht besten erhältlichen Ohrpassstücken überzeugen.

Eine klare Kaufempfehlung hat mir trotz des gesättigten Markts für den Preis von 100 bis 300 € immer gefehlt. Ich habe Enthusiasten sonst immer empfohlen den Sprung auf den InEar StageDiver 2 oder Etymotic ER4XR zu wagen. Auch wenn es ein Vergleich von Birnen mit Äpfeln ist, gefällt mir klanglich der Kanas Pro vielleicht sogar besser als die zwei alteingesessenen Inear-Lieblinge. An beiden Enden wird nicht nur sehr viel mehr Information aufbereitet, sondern gerade in den Mitten hat mich – entgegen meiner Erwartungen – der dynamische Wandler überzeugen können. Leichte Verfärbung im Hochton haben auf ihrer Weise alle drei Inears, sodass mich im Gesamten der KPE am meisten beeindrucken kann.

MoonDrop Kanas Pro Edition

Fazit
Kurz und knapp, mir gefällt der MoonDrop Kanas Pro Edition extrem gut! Für meine Präferenzen schlägt der Kanas alle mir bisher bekannten Inears mit dynamischen Treibern. Der Preis ist ein Understatement.
An die leichte (Tief-)Bassanhebung kann man sich sehr schnell gewöhnen und auch die Relax-Senke in den oberen Mitten bzw. unteren Höhen steht vielen Aufnahmen gut zu Gesicht. Für Monitoring würde ich zwar dennoch eine der vielen Alternativen mit Balanced Armature Treibern vorziehen, doch als tägliche Begleitung für den reinen Musikkonsum quer durch alle Genres, übertrifft er sogar meine Anforderungen. Für Tracks mit Vocals und Tiefbass ist der KPE mittlerweile meine erste Wahl. In der Königsdisziplin Jazz greife ich jedoch auf andere Inears zurück.
Im Produktdesign bin ich ein großer Freund des Bauhaus-Stils: „Form follows function.“ Deswegen überzeugt mich das metallene Bling-Bling-Design weniger. Ein (ergonomischeres) Gehäuse à la StageDiver wäre mir lieber und auch das Kabel trifft optisch nicht meinen Geschmack. Aber das sind höchstens Nörgeleien in einer sonst funktionierenden Beziehung. Von mir gibt es ein ganz dickes Lob!

Klaus

Über

Als anerkanntes Mitglied des HiFi-Forums blickt Klaus auf jahrelange Kopfhörer-Erfahrung zurück. Durch enge Kontakte zur Szene, war er bereits vielfach als Mediengestalter für die Branche tätig. Auch als Autor und Fotograf ist er kein unbeschriebenes Blatt - so mussten sich bereits unzählige Kopfhörer, Inears und Verstärker seinem kritischen Urteil unterziehen.

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