Messebericht: Ein Tag auf der Münchner High End und CanJam Europe 2018

Shanling M0

Vom 10.5. bis 13.5. 2018, also von Vatertag bis Muttertag, fand in München die High End Messe samt CanJam statt. Organisiert wird sie von der High End Society mit Organisationssitz in Wuppertal. Seit 1982 ist die High End ein jährliches Ereignis und so zählt sie mittlerweile zu den größten internationalen Audio Shows. Auch dieses Jahr war der Umfang wieder immens und vier Hallen wurden mit je zwei Etagen bis in die kleinste Ecke mit Ständen gefüllt. Gehwege waren breit genug, um zielstrebig an gezielte Punkte zu gelangen. Die Besucher erschienen zahlreich, jedoch war die Messe nicht so überlaufen, dass man keinen Zugang zu interessanten Produkten gefunden hätte. Erstmals fand gleichzeitig die CanJam Europe in München statt. Das Eintrittsticket galt auch hier. Obwohl die CanJam vergleichsweise klein ausfiel und nur einen kleinen Teil der High End ausmachte, hat ein Tag bei Weitem nicht gereicht, um auch nur die Neuigkeiten im Bereich Kopfhörer abzudecken. Deshalb folgen von mir einzelne Eindrücke zu dem was vorgestellt wurde und zu dem ich etwas meine beitragen zu können.

Sennheiser HD 820
Den Anfang macht Sennheiser, die in Deutschland erstmals ihren neuen Top-Kopfhörer HD 820 der Öffentlichkeit ausgestellt haben. Eine aufwändige Konstruktion der Schallwandler-Abdeckung aus Glas soll alle störenden Resonanzen eines geschlossenen Kopfhörers austilgen. Mindestens sieht die Konstruktion extrem attraktiv aus. Die Einblicke zum Treiber sollten das Herz jeden Kopfhörerfreunds schneller schlagen lassen. Überraschenderweise wurde der Kopfhörer wenig pompös in Szene gesetzt, sondern lag ganz bescheiden neben bereits bekannten Produkten, wie z.B. dem HD 660 S, aus.

Sennheiser HD 820

Die Kopfbandkonstruktion erinnert stark an den HD 800 (S) und ist extrem komfortabel, obwohl ich mir persönlich einen etwas höheren Anpressdruck gewünscht hätte. Dennoch erreichte mich trotz Umgebungslärm mehr als genug Bass, welcher meinem Empfinden nach etwas mehr Pegel als Neutral spielte. Ansonsten erinnert die Soundcharakteristik sehr an den offenen Bruder HD 800 S. Stimmen klingen im Vergleich zum tonal hervorragenden Oppo PM-3 einen Tick heller und distanzierter. Tatsächlich erinnert mich der HD 820 tendenziell eher an den MrSpeakers Aeon Closed, wobei der Sennheiser aus dem Erinnerungsvergleich heraus an beiden Enden etwas mehr an Informationen bietet. Der Hochton scheint leicht angehoben zu sein, klingt aber dermaßen schnell ab, dass er fast schon künstlich klingt. Glücklicherweise wurde er nicht nervig; dies müsste man im Langzeittest genauer überprüfen. Insgesamt bleibt jedoch ein hervorragender Ersteindruck, was mitunter an der extrem guten Verarbeitung liegt. Der hohe Preis von 2.400 € sei vorerst verziehen.

Beyerdynamic Amiron Wireless
Nachdem ich den sehr interessanten Aventho Wireless testen durfte, habe ich mich auf den Amiron Wireless gefreut. Als sehr ambitionierter Overear-Kopfhörer mit Bluetooth bietet auch er die gleichen DSP-Verbesserungen wie der Aventho. Dazu zählen eine angepasste Hörkurve und dynamische Lautstärkekorrektur. Die Anpassung via Hörtest auf der Messe zu testen, macht natürlich wenig Sinn. Immerhin war der Amiron bereits mit einem iPhone am Stand über Bluetooth verbunden und hat so erlaubt einen Ersteindruck zu vermitteln. Die MIY App hat keine Klangkorrektur angezeigt und die App selber war nicht mit dem Kopfhörer gekoppelt. Man kann jedoch nicht ausschließen, dass sich vorher schon jemand an den Hörtest gewagt hat, die Korrektur aufgespielt hat und danach in der App den Kopfhörer entkoppelt hat. Das würde natürlich zu einem total verzerrten Urteil führen.

Beyerdynamic

Tatsächlich vermute ich, dass genau das passiert ist, denn mir erschienen beide Enden des Spektrums viel zu stark ausgeprägt. Punch vom Bass war mehr als beim Aventho vorhanden und der Hochton hat durchaus sibilante Schärfe gezeigt. Auch die Stimmen waren zu hell abgestimmt, so dass sie leer und ohne Volumen tönten. Das sind jedoch Eindrücke unter Vorbehalt und gerne korrigiere ich sie zu einem späteren Zeitpunkt nach. Leider war am Stand kein Kabel für den passiven Betrieb ausgelegt.

Meze Empyrean
Auf einer Messe wie der High End darf man sich auch nicht wundern wenn Kopfhörer mit Preisen oberhalb von 3.000 € gezeigt werden. So z.B. auch der Meze Empyrean, der im Beisein des Treiber-Herstellers Rinaro, in einem geschlossenen Raum vorgestellt wurde. Rinaro – so wurde auf meine direkten Frage mit „ja“ beantwortet – ist übrigens für die Herstellung der magnetostatischen Treiber in Oppo-Kopfhörern verantwortlich. Die Firma zählt bereits über 30 Jahre an Erfahrung und angeblich ist die Konstruktion für den Empyrean eine Vorführung ihrer Fähigkeiten.

Meze EMPYREAN

Über die Optik des Empyrean kann man sich gerne streiten. Mir persönlich gefallen andere Kopfhörer besser, aber das geringe Gewicht ist extrem beeindruckend. Die Ohrpolster lassen sich leicht lösen und austauschen. Eines der gezeigten Paare aus Velours ist noch nicht produktionsreif und benötigt nach eigenen Angaben noch etwas Verbesserung. Die Lederpads hingegen haben ihre Aufgabe meistervoll getan. Der Sound ist unwahrscheinlich luftig und räumlich. Über alle Frequenzen hinweg war der Klang sehr natürlich und ausgeglichen. Mit den Velours-Polstern waren mir S-Laute etwas zu sehr betont, auf wessen Kritik mir versichert wurde, dass daran noch gearbeitet wird und man deshalb die Pads noch überarbeiten werde. Ansonsten habe ich den Raum mit einem breiten Grinsen verlassen, obwohl ich weiß, dass ich mir den Kopfhörer wahrscheinlich nie leisten werde.
Allerdings ist Meze auch dafür bekannt preiswerte Produkte anzubieten. Wenn das Zusammenspiel mit Rinaro aufgeht, hoffe ich man kann in Zukunft mit günstigeren Kopfhörern mit ähnlichen Qualitäten rechnen.

Chord Hugo TT2

DAPs aus Ostasien
Digitale Audioplayer (DAP) oder Portable Mediaplayer (PMP) gewinnen wieder an Popularität. Leider hat die Zeit nicht gereicht die neuen Astell&Kern Geräte A&futura und A&norma genauer zu untersuchen. Auffällig war hingegen die Präsenz aus China und ein größeres Angebot an bezahlbaren und handlichen Abspielgeräten.

HiBy & Hidizs
HiBy und Hidizs haben sich nicht nur einen Stand geteilt, sondern waren die zwei neuesten Player R3 bzw. AP80 auch nicht ganz unterschiedlich voneinander. Die Bauform erinnert je an eine etwas überdimensionierte Apple Watch, doch beide Geräte haben die Touchbedienung sehr gut erkannt und haben auch meine 400 GB MicroSD-Karte ohne Probleme gelesen. DSD oder 192/24 PCM bringt heutzutage kein Gerät mehr ins Stocken. Die Firmware vom Hidizs AP80 war leider noch nicht fertig und so war nicht nur die Lautstärkeregelung invertiert, sondern auf viele Funktionen konnte noch nicht zugegriffen werden. Meiner Meinung nach ist es sehr mutig sich trotzdem an den Stand einer Messe zu stellen, die den Namen High End trägt.

Hidizs AP80

Etwas vollständiger war der Funktionsumfang vom HiBy R3, der optisch sowohl in Soft- als auch Hardware an die Geräte des Standnachbarn erinnert. Hier teilt man sich vermutlich gewisse Ressourcen um den Preis niedrig zu halten. Preise vom AP80 sind noch nicht bekannt und wie gut sich der HiBy R3 für ca. 219 € schlägt, müsste erst noch in einem gründlichen Test untersucht werden.

HiBy R3

Shanling
Sehr beeindruckend war dafür jedoch der Shanling M0, der auf 100 € abzielt, nochmals kleiner ist und auch in der Bedienung einen sehr guten Eindruck hinterlassen hat. Im Zusammenspiel mit dem qdc Gemini war unter Messebedienungen kein Rauschen oder Verbiegung der Frequenz durch eine erhöhte Ausgangsimpedanz zu vernehmen. Der USB-Anschluss kann für externe DACs verwendet werden und so sind mir am Stand der Messe keine Gründe eingefallen, warum man das Gerät nicht auf die Beobachtungsliste setzen sollte.

Shanling M0

Cayin
Mit dem gegenteiligen Ansatz der Produktentwicklung, nämlich ohne Rücksicht auf Kosten das Bestmögliche zu verbauen, ist Cayin mit dem neuen N8 aufgeschlagen. Perfekt verarbeitet, luxuriös in Szene gesetzt und mit einem beispiellosen Funktionsumfang wurde ich positiv überrascht. Was ich vorher noch nie erlebt habe: Mit einem einzigen Klick kann man den Verstärker wechseln und von Solid State zu Nano Tubes springen. Bis die Röhren greifen dauert es wenige Sekunden und die Musik läuft währenddessen ungestört weiter. Der Wechsel zurück auf SS geht sogar komplett ohne Verzögerung. Am empfindlichen Custom Inear gefiel mir der Sound der Nano Tubes zwar weniger, doch die Wahl zu haben ist meines Wissens nach ein Novum. Der Preis wird wahrscheinlich zwischen 2.500 und 3.000 € liegen. Bei dem Preis ist es ein kleiner Trost, dass der Ersteindruck durchweg positiv war.

Cayin N8

Dita Twins
Die vielleicht am besten angezogenen Aussteller, die ich an dem Tag gesehen habe, kamen aus Singapur. In sauberen weißen Hemden und schwarzer Krawatte stellten die Jungs von Dita ihre zwei neuen Ohrhörer vor. Schon vor Jahren sorgte die Firma für Aufsehen, da sie mit aufwändiger und attraktiver Verpackung einen sehr steilen Aufstieg auf Head-Fi starteten. Dita spezialisiert sich auf Inears mit dynamischen Treibern und auch die beiden „Zwillinge“ Fealty und Fidelity haben jeweils nur einen einzelnen dynamisch Treiber verbaut.

Dita Fidelity

Lässt man sich von den insgesamt hohen Preisen (je ca. 1.000 €) und dem aufwändigen Kabel nicht beeinflussen, offenbaren sich ein paar Schwachstellen im Sound. Der Fealty kommt mit einem vollen Bass daher. Mitten werden dabei leicht in Mitleidenschaft gezogen und auch im Hochton zeigt sich nicht die gewünschte Homogenität. Der Fidelity kommt meinem Ideal schon näher und stellt Stimmen realistischer dar, obwohl es keineswegs im Bass fehlt. Leider neigt der Fidelity auch zu etwas Schärfe, das in der japanischen Hifi-Szene jedoch gerne akzeptiert wird und deshalb vielleicht auch bewusst so belassen wurde.

Bass, Bässer, Campfire Audio
Gründer Ken Ball persönlich kam zur CanJam und hat sich direkt am Eingang mit einem großen Stand präsent gemacht. Ganze drei neue Produkte wurden neben dem kompletten Lineup vorgestellt. Zwei neue IEM wurden in poliertem Stahl gezeigt. Dank der geringen Größe sind sie wesentlich bequemer zu tragen als die kantigen Gehäuse, wie sie sonst bei den Modellen mit mehreren Treibern aus dem gleichen Hause zu sehen sind (siehe Campfire Audio Andromeda). Allerdings ist das Stahlgehäuse etwas kalt im Ohr und auch sehr empfänglich für Kratzer. Für Funktionalität ist die Firma aus USA bis jetzt aber auch noch nicht bekannt – eher für Exklusivität.

Campfire Audio Comet

Den Anfang macht der Comet, ein Single-BA Inear für den günstigsten Preis der je von Campfire Audio aufgerufen wurde. Für 199 € (Headphonecompany) bekommt man einen kleinen Hörer, der entgegen jeder Erwartung nicht so klingt, als ob in ihm ein einzelner Balanced Armature Receiver werkeln würde. Für die Firma scheint Bass immer noch eine hohe Priorität zu haben und so ist es auch dieses Mal beeindruckend wieviel Kraft am unteren Ende vorhanden ist, da konkurrierende Produkte mit ähnlichem Aufbau gerade in diesem Bereich öfter Angriffsfläche bieten. Der Bass vom Comet ist nicht übertrieben, schüchtert die Mitten jedoch etwas ein, die so nicht ganz gegen die Wärme ankommen und entsprechend etwas dumpf klingen. Der Hochton ist insgesamt im Pegel gut gewählt, lässt aber Natürlichkeit vermissen und scheint mit ein paar Unebenheiten und unregelmäßigen Über- und Unterbetonungen zu kämpfen.

Campfire Audio Atlas

Wer unser Review zum Campfire Vega gelesen hat, der weiß in etwa was ihn mit dem neuen Topmodell Atlas erwartet. Ebenfalls mit einem einzelnen dynamischen Treiber ausgestattet, legt der Atlas aber nochmal eine Schippe Bass drauf. Leider entziehen sich dem tobenden Gewitter die Mitten fast komplett, die nicht nur weit im Hintergrund stehen, sondern auch von einzelnen tendenziell scharfen S-Lauten verdrängt werden. Bei fast 1.400 € (Headphonecompany) wird es recht schwer den Aufpreis gegenüber dem Vega zu rechtfertigen, zumal der Inear den positiven Eindruck der wertigen Verarbeitung verliert, wenn man ihn einsetzt. Knacksende Treiber sind nicht schön zu hören.

Campfire Audio Cascade

Wer gedacht hat „mehr Bass geht nicht“, hat sich geirrt. Neu vorgestellt wurde auch der erste große Kopfhörer von Campfire. Er trägt den Namen Cascade, wofür mehrere Übersetzungen denkbar sind. Ich nehme an es ist das Feuerwerk gemeint. Ziel war es wohl den Bass physisch spürbar zu übertragen. Meine persönliche Schmerzgrenze wurde überschritten und ich stelle mir die Frage, ob man sich bei Campfire überhaupt noch ansatzweise mit dem Thema High-Fidelity beschäftigen möchte. Obwohl die Mitten etwas natürlicher und weniger warm als bei den beiden zuvor genannten Inears sind, wird neben dem Bass jedoch alles zur Nebensache. Für die aktuell 849 € (Headphonecompany) bekommt man keinen Kopfhörer, den man für audiophiles Hören empfehlen kann, sondern eignet sich der Overear wohl besser als Ergänzung zu einem anderen Kopfhörer, wie z.B. dem Oppo PM-3. In der gleichen Preisklasse findet man übrigens auch den MrSpeakers Aeon, dessen alleinige Erwähnung an dieser Stelle genug Hinweise auf meinen subjektiven Ersteindruck vom Cascade sein sollte.

oBravo Ra C-Cu
So nonkonform Campfires Verständnis von neutralem Klang ist, geht es doch noch um einiges exklusiver. Aus Taiwan ist das sehr sympathische Pärchen von oBravo eingeflogen, das stolz die eigens entwickelten Inears und Kopfhörer vorgestellt hat. Sehr löblich fand ich, dass hierfür ein abgetrennter Hörraum vorbereitet wurde.
Ich habe mich dem Topmodell Ra C-Cu gewidmet, wofür derzeit ca 9.000 britische Pfund verlangt werden (Audiosanctuary). Richtig, Neuntausend Pfund. Das ist kein Tippfehler. Der Inear hat bereits einiges an Lob kassiert und der selbstentwickelte Neodym-Treiber (Air Motion Transformer 8II getauft) soll zusammen mit einem dynamischen 16mm-Treiber den Klang revolutionieren. Was sofort aufgefallen ist, ist dass der Ohrhörer wirklich einiges an Kraft vom Verstärker benötigt. So sehr musste sich der Chord Hugo 2 in meinem Besitz fast noch nie anstrengen. Ans Limit ist dieser zwar nicht gekommen, aber Interessenten sollte klar sein, dass die meisten Abspielgeräte einfach zu leise für den Ohrhörer sind.

oBravo

Ein Großteil des hohen Preises vom Ra C-Cu ist vermutlich der Verarbeitung geschuldet. Kupfer und Holz spielen dabei gut zusammen, doch das weiße Keramik ist meiner Meinung nach keine ansprechende Wahl gewesen. Auch den begeisterten Meinungen im Internet zum Klang kann ich nicht ganz zustimmen. Wenn ich keine unbemerkten Probleme mit der Passform hatte, würde ich den Sound mit einem starken Bass, dumpfen Mitten und blechernen Hochton beschreiben. In den oberen Mitten hat mir viel an Information gefehlt während bei den Frequenzen unterhalb sehr dick aufgetragen wurde. Vielleicht ist etwas mehr Eingewöhnung nötig, um die akustischen Qualitäten zu erkennen…

StereoPravda Spearphone SB-7
Doch nicht nur Taiwan sorgte für Verwunderung. Aus Russland erreichte uns StereoPravda. Ich musste schon gezielt nach ihnen suchen und wäre trotzdem fast am Stand vorbei gelaufen. Es fehlten Poster und andere Hinweise, dass man hier hätte einen interessanten Ohrhörer testen können. Der Spearphone hat seinen Namen von der lustigen Optik und der langen Bauform. Hier werden 7 BA-Treiber in Reihe geschaltet. Tieffrequentere Treiber ordnen sich weiter weg vom Ohr, während die Hochtöner ungebremst bei einem möglichst tiefen Sitz direkt aufs Trommelfell spielen. Ich empfehle zuerst das Foto anzuschauen, bevor man verstehen möchte was hier versucht wird. Tatsächlich hat die Konstruktion kein Gehäuse. Um die Treiber herum ist nur ein Strumpfschlauch. Die weiche Speerspitze aus Silikon ist nicht austauschbar sondern fest verbaut. Das habe ich leider zu spät bemerkt, denn hygienisch ist das auf einer Messe absolut nicht und als ich später den angesammelten Schmutz gesehen habe, wünschte ich, ich hätte abgelehnt.

Stereo Pravda Spearphone

Das Ende muss übrigens schief sein. Man schiebt den Inear bis zum zweiten Knick im Ohrkanal und so wird sichergestellt, dass die Schallwellen auch linear aufs Trommelfell treffen. Als ich fragte warum man sich nicht mehr Mühe geben würde die Präsentation und den Komfort zu erhöhen, wurde mir erwidert, dass es ums Prinzip gehe. Die anderen Firmen versuchen den Sound so zugänglich wie möglich zu machen. Das sei falsch und mit starken Kompromissen verbunden. Man müsse den Sound als oberste Priorität nehmen, auch wenn das heißt, dass es nicht jeder genießen kann. Ohne Kompromisse spiele der SB-7 also. Ich muss gestehen, dass er mir klanglich sehr gut gefallen hat. Völlig losgelöst und unangestrengt spielt der SB-7 klar und natürlich. Winzige Überbetonungen habe ich bei 3k und 6k Hz vernommen, aber fairerweise hätte ich mir auch mehr Zeit nehmen müssen um mit dem Sitz zu experimentieren. Mit einem zufriedenen Gesicht habe ich also erzählt, dass ich mich freue endlich mal wieder einen Studio-Sound von einem Inear zu hören, da die Masse doch eher zu sehr auf Bass fokussiert ist. Mir wurde aber sofort zu verstehen gegeben, dass der SB-7 keinen Studio-Sound habe. So etwas gäbe es gar nicht. „Es gibt nur richtig und falsch, der SB-7 ist richtig.“ Dem möchte ich tendenziell zustimmen, aber bei 2.500 $ würde ich mir wünschen man würde sich nicht so ganz stur gegen den Mainstream richten und eher versuchen dem Gesamtpaket etwas mehr Attraktivität zu verleihen.

rhines custom monitors Theta
„Man würde sehr viel an Sound verlieren, wenn man Treiber wie in einem Custom oder Universal anordnen würde“, wurde mir bei StereoPravda noch nachgedrückt. Ob es wirklich so einen großen Unterschied macht, ob man den Schallschlauch eines Tieftöners im Winkel verbaut, lasse ich mal zur Diskussion offen. Dennoch ist dies ein verwendbarer Übergang zum deutschen Pionier der Custom Inear Monitore. Hier ist es nämlich oberste Priorität komfortable und verlässliche Ohrhörer zu bauen. Dabei ist es in letzter Zeit jedoch sehr ruhig um Felix Reinsch und seinem Team geworden. Umso überraschender kam dann eine ganz leise Neuankündigung daher. Zu hören gab es den Theta. Der achte Buchstabe im Alphabet verrät auch wie viele Treiber pro Seite verbaut sind.

Rhines Theta

An dieser Stelle der Hinweis, dass ich der Firma rhines früher im Marketing geholfen habe. Ich versuche dennoch objektiv zu bleiben.
Mein Ersteindruck vom neuen Hörer ist nicht ganz unähnlich wie als ich das erste Mal den InEar ProPhile 8 gehört habe. Der Theta konnte mich ähnlich begeistert wie der PP8 damals in 2016. Der Hauptunterschied jetzt ist jedoch, dass ich bereits am ProPhile gewöhnt bin und mich seitdem extrem intolerant neuen Inears gegenüber zeige. Umso beeindruckender, dass mir beim Theta keine Fehler aufgefallen sind. Zu dem Zeitpunkt – nach einem langen Tag auf der Messe – empfand ich ihn als tonal auf den Punkt; weder warm noch analytisch, keine Anstrengungen in den Mitten oder Sibilanz im Hochton. Besonders beeindruckt hat mich der extrem tiefe Bass, der sich nicht in die mittlere Frequenzen drückt und so eine luftige und räumliche Präsentation erlaubt. Stimmen bleiben so vordergründig und losgelöst. Doch auch der Hochton reicht dieses Mal um einiges weiter und gibt der Musik mehr Platz zum atmen. Ich hoffe wir bekommen demnächst die Chance noch genauer hinzuhören. Zwar ist der Demo im universalen Gehäuse sehr klein und bequem zu tragen, erhältlich wird der Theta ab August aber nur in maßgefertigter Bauform sein. Der Preis steht noch nicht fest.

Ambient Acoustics
Aus der Ukraine kamen die CIEM Hersteller Ambient Acoustics angereist und besetzten einen Stand auf der CanJam. Sie stellten zwei Prototypen vor, die jeweils 16 bzw. 24 Treiber pro Seite verbaut hatten. Beide Prototypen waren mit einem symmetrischen 2,5mm-Kabel ausgestattet, dessen Anschluss ungewöhnlich und vielleicht sogar proprietär zu der Firma ist. Leider bin ich mir ziemlich sicher, dass der 2,5 auf 3,5mm Adapter am Stand defekt war. Dennoch wurden Besucher gebeten mit ihrer eigenen Quelle Probe zu hören. Jene Besucher, die den Adapter benutzt haben, könnten womöglich verfälschte Eindrücke haben, wenn sie den vor Ort ausgelegten Adapter verwendet haben.

Ambient Acoustics

Wir haben daraufhin schnell einen Questyle DAP mit 2,5mm aufgetrieben und so konnten die Prototypen AM16 und AM24 auch mit richtiger Polung getestet werden. Der „kleinere“ Monitor, der dennoch absurd viele Treiber verbaut hat, spielt sehr direkt und vorwärts. Der Bass drückt sich in den Vordergrund und engt die Mitten ein. Trotz der vielen Technik fehlt die Abbildung einer großen Bühne. Der AM24 richtet sich schon eher an unsere Präferenz von Neutralität. Er klingt insgesamt sehr gut ausgewogen und reicht an beiden Enden merklich weiter als der AM16. Ich habe eine leichte Überbetonung in den oberen Mitten bemerkt, die Stimmen etwas aggressiver machte als meiner Meinung nach nötig wäre. Der rhines Theta vom Stand nebenan wirkte somit insgesamt transparenter und homogener obwohl er in Summe nur ein Drittel der Treiber verbaut hat.

Ambient Acoustics AM7

Der (als Custom für 943 €) bereits erhältliche AM7 LAM lies bei mir einen positiveren Eindruck als die zwei Prototypen. Der Ohrhörer ist mit drei Schaltern ausgestattet, wovon zwei den Bass anheben und der dritte den Hochton boostet. Keiner der Schalter sorgte für eine Verbesserung des Klangs, denn mir gefiel er in der Stellung (off/ off/ off) am besten. Im Urzustand weist der Monitor schon eine gesunde Portion an Grundwärme auf und färbt auch die Mitten ein wenig dunkel ein. Dennoch bleiben Stimmen im Vordergrund und das Klangbild ist insgesamt sehr angenehm. Der oberste Schalter soll neutral klingen, doch er bringt Stimmen dazu zu plärren. Die beiden anderen Schalter heben nur noch den Bass an, der insgesamt somit um +14 dB verstärkt werden kann. Bereits nur der schwächere Schalter mit +6 dB sorgte für einen unnötig aufgedickten Klang, der der Auflösung insgesamt nur schadet. Der AM7 wäre gerne eine Empfehlung wert, wenn er die Schalter nicht hätte und somit noch etwas günstiger wäre.

Das Ende der Fahnenstange: VE Erlkönig
Über die Kölner Firma Vision Ears haben wir vorher bereits berichtet (siehe hier). Die Firma erfreut sich über hohe Popularität bei Musikern und besonders in Asien auch bei Hifi-Kundschaft. Letztere mussten bisher allerdings stets auf universale Passformen verzichten, da sich VE auf die Produktion maßgefertigter CIEM spezialisiert hat. Dies wird in Zukunft zwar vermutlich auch so bleiben, jedoch haben das Team von Marcel und Amin jetzt endlich ihren ersten Universal Inear vorgestellt. Bevor jetzt jeder vor Freude in die Luft springt sei direkt die UVP von ca. 4.200 € erwähnt. So gesehen hätte man kein besseres Event zur Vorstellung wählen können als die namentlich passende Messe High End.

Vision Ears VE Erlkönig

Der Name ist Programm, denn selten wurde ein Ohrhörer so pompös in Szene gesetzt. Das dürfte auch für die Messeveranstalter neu gewesen sein. Der VE Erlkönig wurde hinter einer Vitrine mit allem Zubehör gezeigt, doch es gab auch die Möglichkeit ein fertiges Modell zu testen. Das Gehäuse ist aus Silber, was sicherlich zum hohen Preis beiträgt. Pro Seite ist der Hörer mit 13 Treibern ausgestattet. Innovativ ist die abnehmbare Faceplate, unter der mittels einer Stellschraube eine von vier Klangsignaturen gewählt werden kann. Durchnummeriert kann man die Zahlen grob mit der Bassquantität in Verbindung setzen, wobei 1 jedoch die höchste Stufe und 4 die bassschwächste Stufe ist. Die Faceplate wird mit einem starken Magneten gehalten, der hoffentlich langfristig keinen ungewünschten Effekt auf die Treiber hat. Die Faceplates sind übrigens symmetrisch für beide Seiten und können in Zukunft ausgetauscht werden. Für vermutlich 200 € extra kann man dann seinen Erlkönig optisch auffrischen. Bassschwach ist allerdings auch Stufe 4 nicht, denn mein Eindruck hier war eine leichte Badewanne mit einer gesunden Portion Tiefbass. Stellung 3 hat mir auf Anhieb sehr gut gefallen, weshalb ich diesem Setting auch die meiste Spielzeit gegeben habe. Der Erlkönig – oder auch VE13, wie er inoffiziell schon abgekürzt wird – hat eine sehr homogene und überzeugende Klangsignatur. Mir sind keine tonalen Patzer aufgefallen, allerdings weicht er auch stets von einer analytischen Signatur ab. Sehr musikalisch spielt der König, der den Namen Billie Jean wahrscheinlich besser verdient hätte als die Neuankündigung von Jerry Harvey. Stufe 3 ist durchaus schon warm abgestimmt, erweckt aber nicht den Eindruck als ob dies Stimmen negativ beeinflussen würde. Dies war der Firma auch schon mit dem VE8 geglückt. Für einen Universal, der ausschließlich BA-Treiber verbaut hat, hat der Inear beeindruckende Reichweite an beiden Enden, die in vielen Fällen nur noch von dem eigenen Hörvermögen limitiert werden könnten. Wie tief der Bass gehen kann, zeigt besonders Stufe 1. Die Ohren, die diesen Subwoofer-Effekt aushalten, haben auf jeden Fall schon etwas erlebt. Ich persönlich habe die Schmerzgrenze erreicht und habe mich direkt an Campfire Audio erinnert gefühlt. Stimmen sind bei dieser Stufe auch nicht frei von Verfärbung geblieben und haben an Volumen gewonnen. Setting 2 habe ich aus Zeitgründen übersprungen, da ich hoffe, dass wir noch mal die Gelegenheit bekommen werden uns intensiver mit dem höchst ambitionierten Projekt zu beschäftigen.

Klaus

Über

Als anerkanntes Mitglied des HiFi-Forums blickt Klaus auf jahrelange Kopfhörer-Erfahrung zurück. Durch enge Kontakte zur Szene, war er bereits vielfach als Mediengestalter für die Branche tätig. Auch als Autor und Fotograf ist er kein unbeschriebenes Blatt - so mussten sich bereits unzählige Kopfhörer, Inears und Verstärker seinem kritischen Urteil unterziehen.

Siehe alle Beiträge von