Knowledge Zenith (KZ) AS10

KZ AS10

Der chinesische Hersteller KZ ist mittlerweile eine der Top-Adressen, wenn es um günstige Inears geht. Preise, die teilweise in den einstelligen Euro-Bereich hinab reichen, und eine riesige Modellvielfalt haben die Sammelleidenschaft und den Entdeckungsdrang von einigen HiFi-Fans entfacht. Spätestens mit dem KZ ZS6 hat der chinesische Hersteller das absolute Billigsegment verlassen und sich auf vergleichsweise teures Territorium begeben. Der KZ AS10 setzt den neuen Kurs fort – für den Inear ruft Knowledge Zenith rund 45€ (bei Gearbest) auf. Dafür trumpft der AS10 mit ganzen 5 Balanced Armature (BA) Treibern pro Seite auf. Ja, richtig gehört: Insgesamt 10 BA Treiber für etwas über 40€. Wer etwas Marktübersicht hat wird wissen, dass für ähnlich hohe Treiberzahlen gut und gerne 10-fache Beträge und mehr aufgerufen werden.
Gewohnt spartanisch zeigt sich jedoch das Zubehör des AS10. Mit dabei sind neben etwas Papierkram 3 Paar der bekannten KZ Silikon Tips. Die Starline genannten Aufsätze sind aus einem eher hartem Kunststoff gefertigt – für den AS10 hätte KZ ruhig hochwertigere Tips beilegen können. Schöner als bei den bisherigen KZ Modellen ist die neue Umverpackung aus schwarzem Hartkarton. Öffnet man den Magnetverschluss erblickt man die Faceplates des AS10 gebettet in schwarzem Schaumstoff, darunter die Produktbezeichnung samt Markenlogo graviert in ein Stück Metall. Neben dem üblichen leicht chemischen Geruch versprüht der AS10 damit tatsächlich ein Hauch Premium-Atmosphäre. Noch lieber als eine schöne Umverpackung hätten wir ein nützliches Etui oder ein Case zur sicheren Aufbewahrung gesehen.

Was treibt den KZ AS10 an?
Ganze 5 BA Treiber pro Seite für einen derart günstigen Preis wecken Skepsis. Hat KZ da etwa nur „Schrott“ verbaut oder wie kommt der Preis zustande? Der Grafik von KZ lässt sich zunächst der grobe technische Aufbau entnehmen:

KZ AS10

Im Bass werkelt ein Treiber mit der Kennung 22955 dessen Pendant von Hersteller Knowles in vielen bekannten, durchaus hochpreisigen Inears seinen Dienst verrichtet, z.B. im Earsonics ES5. Im KZ AS10 handelt es sich vermutlich nicht um den CI-22955 von Knowles, sondern um die günstigere Alternative namens BRC910C22955 des chinesischen Herstellers Bellsing. Durch nähere Inspektion anderer KZ Modelle wissen wir bereits, dass KZ auf Bellsing Treiber setzt und die günstigen Preise von KZ ließen auch keine Verwendung von Knowles oder Sonion Treibern zu.
Für den Mittelton gibt KZ an einen 29689 zu verwenden; das Knowles Pendant ED-29689 ist vor allem durch die Etymotic ER4 S, P und B bekannt geworden. Also werkelt auch im Mittelton ein bewährter Treiber, wenn auch vermutlich von einem anderen Hersteller als Knowles.
Um den oberen Mittelton und Hochton sollen sich Treiber mit der Kennung 31005 und 30095 kümmern. Beim 30095 handelt es sich um einen klassischen Hochtöner, der als Knowles WBFK-30095 in unzähligen Inears verbaut ist. Laut KZ sollen im AS10 gleich zwei der 30095 arbeiten, Teardown-Berichte zeigen jedoch, dass stattdessen zwei 31005 und nur ein 30095 verbaut sind. Eigenartig, dass sich KZ bei den Angaben vertut, letztendlich aber für den Kunden egal solange das Endergebnis stimmt.
Wegen des niedrigen Preises vermuten wir, dass alles Treiber des KZ AS10 vom chinesischen Hersteller Bellsing geliefert werden. Bellsing baut grundsätzlich die gleichen Modelle wie Premium Hersteller Knowles, bietet diese jedoch zu deutlich günstigeren Preisen an. Die insgesamt 10 BA Treiber, die für einen AS10 gebraucht werden, würden von Knowles im Einkauf bereits rund 100€ kosten – bei Abnahmemengen von mehreren tausend Stück.
Sind die Treiber von Bellsing deshalb schlechter? Umfassend können wir die Frage bisher nicht beantworten, unsere Messungen von einigen vergleichbaren Treibermodellen der Marken Knowles, Sonion und Bellsing legen aber nahe, dass die Treiber in ihrer Performance grundsätzlich vergleichbar sind.

Bei älteren KZ Modellen wurden immer wieder Stimmen laut, die behaupteten KZ würde keine Frequenzweichen verbauen. Sinngemäß hieß es, man schmeiße wahllos möglichst viele Treiber in ein Gehäuse und hoffe auf passablen Klang, was für das eine oder andere Modell von KZ sicher zutraf. Beim AS10 zeigt KZ gerade zu demonstrativ die Frequenzweiche, die als PCB unterhalb der transparenten Faceplate prangt. Zu erkennen sind 3 Widerstände und ein Kondensator im SMD-Format, die einen Teil der elektronischen Frequenzweiche darstellen. Für den akustischen Teil der Frequenzweiche hat KZ tief in die Trickkiste gegriffen und die Schallwege sowie die Treiberaufnahmen 3D-gedruckt, wie man es sonst von Herstellern wie Campfire Audio und Ultimate Ears kennt.

KZ AS10 Box

Verarbeitung und Passform:
Der KZ AS10 setzt auf ein recht dünnes Kunststoffgehäuse in ergonomischer Form. Die leichten Gehäuse vermitteln, im Gegensatz zum KZ ZS6, beim Anfassen keinen Endruck von Wertigkeit. Dennoch ist die Fertigung sauber und vor allem die Spaltmaße zur durchsichtigen Faceplate zeigen sich gleichmäßig und sind kaum zu ertasten. Im Ohr sitzt der KZ sehr angenehm, da er die Form der Concha aufnimmt. Insgesamt sitzt der AS10 eher tief im Gehörgang und isoliert entsprechend gut.
Der sichere Sitz wird durch die Kabelführung über dem Ohr unterstützt, wofür die jeweiligen Kabelenden mit Draht verstärkt wurden. Das wechselbare Kabel des AS10 besteht aus 4 verdrillten Stängen und erinnert an die Litz Kabel von Campfire Audio, was sehr positiv ist. Denn das Kabelmaterial gibt sich angenehm verdrillungsarm und überträgt nur wenig Berührungsgeräusche – ein gigantischer Fortschritt im Vergleich zu den alten KZ-Kabeln. Angeschlossen wird über 0,75 mm 2-Pin Anschluss, was die Beschaffung günstiger Ersatzkabel von KZ möglich macht. Die angebrachten Kunststoffteile an Steckern, Splitter und Mikrofon sind qualitativ keine Hingucker, erfüllen aber ihren Zweck. Eigenartig muten die Abmessungen des ca. 137 cm langen Kabels an, denn nach nur rund 75 cm trennt sich das Kabel im Y-Splitter. Das gemeinsame Kabelstück ist somit außergewöhnlich kurz, wodurch der Y-Splitter sehr tief hängt.

KZ AS10 Box

Klang:
Schon beim ersten Hören mit dem AS10 könnte man den Eindruck gewinnen, dass KZ auf die Forschungen von Harman gespickt hat. Die Abstimmung des 5 BA erinnert deutlich an die Harman Zielkurven – der Blick auf den Frequenzgang bestätigt den Eindruck. Aber fangen wir erst einmal vorne an.

IEC 60318-4 Frequenzgang / Frequency response measurement KZ AS10

Der Bass des AS10 ist ca. 10 dB angehoben und damit durchaus betont. Gegen Mittelton fällt der Pegel nur seicht ab, was dem Klang Volumen und Fülle beschert. Dem warm abgestimmten Tiefton wirkt ein neutraler Mittelton mit leicht hellem Charakter entgegen. Die weitestgehend neutrale Abstimmung, abgesehen von ein paar Spitzen und Senken, erstreckt sich dabei gegen den Hochton. Hier gibt es also jenseits kleiner Peaks um 3, 4, 5 und 8 kHz nicht besonders viel zu anzubringen, allenfalls etwas zu viel Pegel im Bereich von 2-6 kHz, was manch einen Sänger einen Hauch zu energisch klingen lässt. Hohe Stimmenanteile neigen somit gelegentlich zum Kreischen, andererseits zeigt sich Gesang dadurch deutlich artikuliert und gut durchhörbar. Etwas mehr Feintuning hätte dem oberen Mittel- und Hochton gut getan; angesichts des Preises ist das wohl ein annehmbarer Kompromiss.
Gegen die obere Hörschwelle liefert der AS10 noch ausreichend Pegel, sodass auch noch Details in den obersten Oktaven dargestellt werden. Insgesamt ist der obere Hochton jedoch eher schwach ausgeprägt und wirkt daher etwas glanzlos. Im Tiefbass zeigt sich eine sehr gute Abdeckung der tiefsten Frequenzen, denn selbst unterhalb von 30 Hz arbeitet der Bass des KZ noch gut hörbar. Der Bass erfreut durch einen wuchtigen Anschlag, der an einen dynamischen Treiber erinnert.
Erwähnenswert ist zudem die ausgezeichnete Kanalgleichheit, die man so sogar selten bei Inear des vielfachen Preises sieht. Zuvor konnte uns bereits der KZ ZS6 mit sehr guter Kanalgleichheit überraschen; nun zeigt KZ, dass das nicht die Ausnahme sondern die Regel zu sein scheint. Das spricht für eine sehr gute Qualität der Treiber sowie für eine Präzise Fertigung und Qualitätskontrolle – haben wir das gerade wirklich über Knowledge Zenith gesagt?!

IEC 60318-4 Frequenzgang / Frequency response measurement KZ AS10 vs Harman IE 2016

Der Blick auf obiges Diagramm macht klar, wie nah der Frequenzgang des AS10 der Harman Zielkurve folgt. Die größten Unterschiede findet man vor allem im oberen Bass und unteren Mittelton, wo der KZ AS10 einen wärmeren Ton anschlägt als von der Zielkurve vorgegeben. Spätestens ab dem Mittelton schlängelt sich der Frequenzgang des AS10 um das Harman Target für Inears. Bis auf einige Peaks und Täler ist die Ähnlichkeit der beiden Kurven so verblüffend, dass es sich wohl kaum um einen Zufall handelt.
Die Orientierung an Harman ist definitiv ein kluger Schachzug von KZ. Wir bevorzugen zwar neutralere Zielkurven, dennoch haben die Harman-Kurven einen klaren Vorteil: Sie sind so konzipiert, dass sie einer möglichst großen Anzahl von Zuhörern gefallen. In ihren Untersuchungen konnten Sean Olive und sein Team wiederholt nachweisen, dass Kopfhörer, die auf das jeweilige Harman Target abgestimmt waren, die bestmögliche Bewertung erzielten. Zeigt sich im Massenmarkt ein ähnliches Bild, wie in den repräsentativen Gruppen von Harman, tut ein Hersteller wie KZ sicher gut daran sich an den Targets zu orientieren.

Zum Stichwort Massenmarkt passt Chartmusik. Eben in diesem Genre fühlt sich der AS10 richtig wohl. Flachen Radio Edits haucht warme Bass neues Leben ein, wobei der präsente Mittelton die Durchhörbarkeit stützt. Für hochwertig produzierte Stücke würden wir allerdings eine neutralere Abstimmung vorziehen, auch wenn sich der AS10 hier solide schlägt. Etwas mehr Feintuning im oberen Mittel- und Hochton hätte dem KZ zu einer besseren Wertung verholfen. Hier hätte KZ der Harman Kurve ruhig noch genauer folgen dürfen. Wobei auch für das Harman Target die Kritik gilt, dass der obere Mittelton etwas zu betont ist und so gelegentlich zum Kreischen neigt. Im oberen Hochton geht selbst Harman etwas schüchtern zu Werke und KZ tut es der Zielkurve gleich. Dabei würde mehr Pegel entgegen der oberen Hörschwelle der empfundenen Auflösung gut bekommen.

KZ AS10

Matchability:
Die 5 BA Treiber pro Seite lassen zunächst vermuten, dass der KZ AS10 einige Ansprüche an das Wiedergabegerät stellt. Für eine niedrige Ausgangsimpedanz sollte man beim Antrieb des AS10 tatsächlich sorgen. Das Quellgerät sollte eine Ausgangsimpedanz von 2,5 Ohm nicht übersteigen, um unerwünschte Klangveränderungen zu vermeiden. Ansonsten zeigt sich der KZ AS10 genügsam; mit einem Wirkungsgrad von rund 125 dBSPL/V spielt er bei gegebener Spannung rund 2 dB lauter als der durchschnittliche Inear. Ein besonders kräftiger Audioplayer oder Verstärker ist also nicht notwendig. Da der Wirkungsgrad auch nicht übermäßig hoch ist, wird das Grundrauschen des Quellgeräts nur selten zum Problem.
In folgendem Diagramm haben wir dargestellt wie sich der Frequenzgang des KZ AS10 an verschiedener Ausgangsimpedanz verhält. Die obere gelbe Linie stellt einen 0 Ohm Ausgang dar, von oben nach unten folgen 2, 4, 8, 16, 32 und 64 Ohm. Wünschenswerte Veränderungen durch gezieltes Erhöhen der Impedanz lassen sich beim AS10 leider nicht erzielen.

KZ AS10 effects of output impedance

Fazit:
KZ befindet sich im Wandel. Schritt für Schritt verlässt der chinesische Hersteller das absolute Billigsegment – stattdessen steht eine Art Budget-Luxus auf dem Programm. Ausstattungsmerkmale wie Gehäuse aus der CNC-Fräse und Treiber-Anzahlen, die man eher im HighEnd-Bereich vermutet, geben die neue Ausrichtung vor. Die Preise bleiben gewohnt überschaubar, wenn auch die Zeiten der Inears im einstelligen Euro-Bereich vorbei sind. Mit seinen 5 BA Treibern pro Seite passt der AS10 wunderbar zum neuen Markengesicht von KZ. Demonstrativ trägt er seine Frequenzweiche als Faceplate, um klar zu machen, dass man hier keinen Blender in den Händen hält – und die Spezifikationen des KZ können sich tatsächlich mehr als sehen lassen. Das äußere Erscheinungsbild des AS10 bietet im Kontrast wenig Bling-Bling; stattdessen begrüßt einen dünner Kunststoff, der immerhin sauber verarbeitet und ergonomisch geformt ist.
Bei der Abstimmung des AS10 hat sich KZ von aktueller Forschung inspirieren lassen, so ähnelt der Frequenzgang der Harman Zielkurve für Inears. Betrachtet man das Harman IE Target von 2016 und den Frequenzgang des KZ AS10 nebeneinander, lassen sich die Gemeinsamkeiten nicht abstreiten. Das beschert dem Inear einen massentauglichen, warmen Klang mit ausgeprägtem Bassfundament und präsentem Mittelton. Gerade im Consumer-Segment dürfte die Abstimmung auf offene Ohren stoßen, aber auch als HiFi-Enthusiast kann man an dem gefälligen Klang seine Freude finden. So spielt sich der AS10 souverän durch verschiedenste Genre und kann vor allem bei aktueller Chart-Musik punkten.

Niklas

Über

Teilzeit Fotograf, teilzeit Autor und vollzeit Audiophil - als Mitgründer von Headflux dreht sich immer alles um das Thema HiFi. Schreibt Niklas gerade mal keinen Artikel, dann macht er wahrscheinlich Fotos des neusten Audio-Gears.

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