HiFiMAN HE-400

HiFiMAN HE-400

Die Marke HiFiMAN steht für bezahlbare Kopfhörer mit magnetostatischem Wandlerprinzip. Unlängst war es durch die Markteinführung des über 3000€ teuren HE-1000 um die gemäßigte Preisgestaltung geschehen. Nichtsdestotrotz hat HiFiMAN mit HE-400i und HE-400s noch ordentlich „bang for the buck“ im Angebot: Eine Linie, die unser allzeit Liebling HE-400 begründet hat.
Als Nachfahren glänzen 400s und 400i mit klassischen HE-400 Attributen, wir wollen aber noch einmal zurückblicken, dorthin wo alles begann.

In einer Zeit vor dem blauen HiFiMAN haftete dem magnetostatischen Wandlerprinzip eine gewisse Extravaganz an. Mit einem Einführungspreis von 399€ waren eventuelle Berührungsängste doch schnell vergessen. Im Abverkauf ließ sich der 400er teilweise in den Zweihundertern erstehen, damit wilderte er schnell im Revier beliebter Consumer Kopfhörer von AKG, Beyerdynamic, Sennheiser und Co. Mit guten Gebrauchten kann man auch heute noch ein Schnäppchen machen und sich seinen Einstieg in die magnetostatische Welt sichern.
Nach unserer Meinung hat der kleine HiFiMAN damit maßgeblich für die Akzeptanz von Magnetostaten gesorgt, die heute populärer sind, als je zuvor. Insofern hat sich der HE-400 auch nach seinem Produktionsaus eine Widmung in Form eines Reviews verdient.

Verarbeitung, Design und Komfort:
Der HiFiMAN ist kein Laufsteg-Modell und schon gar kein Mager-Modell. Er ist stämmig, solide und bringt nicht gerade wenig Gewicht auf die Waage, was die Langzeittauglichkeit etwas einschränkt, obwohl er bei weitem nicht unbequem ist. Mit fast einem Pfund kann man ihn zwar gut ein paar Stunden auf dem Kopf lassen, so leidensbereit ist aber nicht Jedermann. Wer seinen Nacken schonen möchte, muss wohl zu den 375g und 350g von 400i und 400s greifen, die zudem mit einem nachgiebigeren Kopfband ausgerüstet sind.
Die Verarbeitung ist gut, wenn auch nicht ausgezeichnet. Die Spaltmaße passen und nichts knarzt. Materialwahl und Design sind eher robust und funktional als edel, da gibt es deutlich besseres im Preissegment. Der HE-400 ist für die Ohren, wer etwas für die Augen sucht, sollte woanders gucken. Was das Erlebnis tatsächlich etwas trübt ist das Zubehör, oder besser: Das fehlende Zubehör. Und dabei meinen wir nicht etwa unnütze Gimmicks; es fehlt ganz elementares, nämlich ein solides Case. HiFiMAN hat sich entschieden dem Kopfhörer lediglich eine dünne Stoffhülle beizulegen, die zur Aufbewahrung des immerhin mehrere Hundert Euro teuren Geräts kaum taugt. Das Hardcase, dass man im letzten Foto dieses Beitrags sieht, ist Zubehör und nur bei wenigen Händlern zu beziehen. Schade.

Beim Aufsetzten bemerkt man direkt die vollkommene Abwesenheit von Isolation. Das Ohr und die Außenwelt trennen nur wenig Schaumstoff, ein durchlässiges Gitter und natürlich die hauchdünnen Treiber. Geräusche dringen quasi ungedämpft ein. Dabei ist der Kopfhörer keine Einbahnstraße, tönt nach Innen wie nach Außen und lässt das unmittelbare Umfeld teilhaben. Spätestens hier wird deutlich: „Der ist nichts für die Bahn!“
Tatsächlich gehören die Magnetostaten von HiFiMAN sogar zu den offensten Kopfhörern überhaupt.

HiFiMAN HE-400 und JDS Labs C5D

Klang:
Die extrem offene Bauweise wirkt sich natürlich unmittelbar auf den Klang aus. Störende Resonanzen durch ein geschlossenes Gehäuse gibt es hier also nicht. Stattdessen wird man mit klanglicher Offenheit und Weiträumigkeit belohnt.
Die Abstimmung des HE-400 kann man wohl am ehesten mit moderat Bass- und Höhenbetont beschreiben, in den Höhen mit etwas mehr und in den Tiefen mit etwas weniger Betonung. Das wird ihm aber bei Weitem noch nicht gerecht, denn neben den sanft angehobenen Frequenzbereichen an den jeweiligen Enden des menschlichen Hörspektrums, sind es nämlich gerade die Frequenzen dazwischen, die den HiFiMAN ausmachen. Mit einem kleinen 1 kHz Buckel und abgesenkten oberen Mitten, kann man ihn hier als etwas eigenwillig bezeichnen. Gerade dadurch bringt er aber einen besonderen Live-Charakter rüber: Durch die Betonung um 1 kHz wirken Stimmen sehr Körperhaft, wiederum durch den vergleichsweise schlanken Oberbass nicht verfärbt; die Senke im oberen Mittelton lässt alles eher indirekt wirken, wozu wiederrum der erhöhte Hochton ein Gegengewicht darstellt. Alles in Allem ein Balanceakt, der unserer Meinung nach sehr gut gelungen ist und dem HE-400 ein einzigartiges Klangbild bescherrt, dass sich durch große Offenheit, Livehaftigkeit und Unaufdringlichkeit kennzeichnet. Etwas Eigenwilligkeit unterstellen wir ihm aber trotzdem.

Ganz und gar typisch ist die hohe Schnelligkeit des magnetostatischen Wandlers, die dem HiFiMAN hohe Präzision und Detailauflösung bis tief hinab in den Bass beschert. Dynamischer Konkurrenz im ähnlichen Preisbereich ist der Magnetostat überlegen. Gerade für den herausragend trockenen Bassbereich ist sein Wandlerprinzip bekannt. Und wer einmal den extrem sauberen und präzisen Bass gehört hat, wird an der Tieftonauflösung keinen Zweifel hegen. „Bassheads“ allerdings, kommen hier eher nicht auf ihre Kosten.
Auch in den Frequenzen oberhalb des Tieftons löst der HiFiMAN sehr gut auf und muss sich vor den großen Magnetostaten und Dynamikern der Branche nicht verstecken.

Wir haben schon einmal die stark offene Bauweise erwähnt. Klanglich wirkt diese sich besonders auf die subjektiv wahrgenommene Räumlichkeit der Musik aus. Gepaart mit der speziellen Abstimmung insbesondere im Mittel- und Hochton, präsentieren sich die Aufnahmen dem Hörenden sehr weitläufig. Instrumente und Stimmen bleiben getrennt durchhörbar und arragieren sich außerhalb des Kopfes auf einer großen virtuellen Bühne, ohne, dass der Musik der Zusammenhang verloren geht. Die gute Auflösung tut hier natürlich ihr Übriges.

Ein weiter Vorteil des HiFiMANs ist sein unkomplizierter Antrieb. Heißt: Ein sündhaft teuer HiFi-Verstärker ist nicht zwingend notwendig. Das ist mal wieder, wie sollte es anders sein, auf sein magnetostatisches Wandlerpinzip zurückzuführen und gilt natürlich mal mehr, mal weniger auch für andere Hörer des gleichen Prinzips. Denn einerseits ist der Impedanzverlauf des HE-400 (51 Ohm über alle Frequenzen) kerzengerade, was ihn absolut unempfänglich gegenüber hohen Ausgangsimpedanzen verschiedener Quellen macht; außerdem ist die dünne Folie des Treibers so leicht, dass er ausreichend durch den Luftwiderstand mechanisch gedämpft ist und somit nicht auf einen hohen Dämpfungsfaktor angewiesen ist. Der Wirkungsgrad (0.129 Vrms für 90 dB SPL) wiederum ist so gut, dass er auch mit wenig Leistung relativ laut betrieben werden kann. Heißt im Klartext, dass ein iPod oder vernünftiges Smartphone häufig schon ausreicht, besonders für Leisehörer.
Gerne gemacht wird allerdings das sogenannte „pad rolling“, also das austauschen der Polster. Hierzu bedient man sich diverser Austauschprodukte verschiedener Materialen und Formen. Anderes Leder, Stoff oder Velours in dünner, dicker oder angeschrägt können subtile oder mitunter auch gravierende Änderungen mit sich bringen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass nicht immer jede Änderung den eigenen Geschmack treffen muss. Einstiegsdrogen zum „pad rolling“ sind häufig die HiFiMAN Velours-Polster mit relativ subtilen klanglichen Veränderungen. Sehr beliebt sind auch die HiFiMAN FocusPads, wenn auch weniger subtil im Einfluss auf den Klang.

HiFiMAN HE-400 und Case

Fazit:
Man ließt es uns wahrscheinlich an: Wir stehen auf den kleinen HiFiMAN. Nicht umsonst befinden sich schon seit Marktstart gleich zwei Exemplare im Inventar von Headflux. So können wir eigentlich nur noch einmal zusammenfassen und eine klare (Gebraucht-)Kauf Empfehlung geben. Denn mit hoher Auflösung gerade im Bass, ermüdungsfreier Abstimmung und einem Gesamtklangbild, das in seiner Preisregion Seinesgleichen sucht, bleibt uns auch gar nichts anderes übrig. Einzig der Langzeittragekomfort und das etwas grobe Erscheinungsbild mit wenig Zubehör können etwas abschreckend wirken. Doch wer einen offenen Kopfhörer mit moderater Bass- und Hochtonbetonung sucht, tut gut daran sich dem HiFiMAN mal anzunehmen. In dem Sinne: Kaufen, wer Einen findet und nicht mehr abgeben, wer Einen hat!

Headflux Team

Über

Das Headflux Team sind die beiden Gründer und Administratoren von Headflux.de: Sebastian und Niklas.
Wie sagt man so schön? Vier Ohren hören besser als zwei!

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