beyerdynamic Aventho Wireless

beyerdynamic Aventho Wireless ROOM'S

Der Aventho Wireless ist der neueste On-Ear Kopfhörer von beyerdynamic. Nach diversen Inears mit verkürztem Kabel, ist der Aventho der erste wirklich kabellose Kopfhörer mit Bluetooth-Unterstützung aus Heilbronn. Für diesen Einstand hat sich die Firma etwas besonderes einfallen lassen und hat eine exklusive MIY App speziell für den Aventho Wireless entwickelt, der den Kopfhörer individuell ans Hörempfinden anpassen lassen soll.
Der Smart-Kopfhörer ist außerdem mit vielen weiteren Features ausgestattet: Flaches On-Ear Design, dynamischer Tesla-Treiber, Bluetooth 4.2, Freisprechmikrofon, 1050 mAh Akku mit über 30 Stunden Betriebszeit, bedienbares Touchpad mit Gestenerkennung, Lautstärke-Tracking, optional passiver Betrieb mit 3,5mm Klinkenkabel und bei Verwendung des USB C-Kabels auch als externe Soundkarte verwendbar. Er ist in schwarz und in braun erhältlich; Kostenpunkt rund 450€ (Amazon).

Im Lieferumfang befindet sich ein 3,5mm Klinkenkabel für den Betrieb nicht Bluetooth-fähiger Geräte, ein USB-C auf USB-A Kabel für direkte Verbindung mit einem Computer und zur Aufladung des Akkus, sowie eine dickere Stofftasche um den Kopfhörer zu verstauen. Beide Kabel finden ihren Anschluss an der rechten Ohrmuschel. Zugegeben, dass man das Kabel links trägt ist nicht genormt und es gibt vereinzelte Ausnahmen, aber für mich ist die rechtsseitige Kabelführung eine ungewohnte Umstellung. Das USB-Kabel fällt außerdem mit nur 80cm gegenüber dem AUX-Kabel mit 125cm doch sehr kurz aus.
Übrigens, falls vorhanden, kann man ein symmetrisches Kabel mit dem Aventho verwenden. Die Pin-Belegung entspricht dabei beispielsweise der vom Oppo PM-3: TRRS = L+, R+, L-, R-. Ich konnte allerdings keinen sofortigen Klanggewinn ausmachen. Wer jedoch gerne den 2,5mm-Ausgang seines Astell&Kern Players verwendet, der sei hiermit zum Selbsttest animiert.

Verarbeitung und Design
Der Aventho Wireless überzeugt von Anfang an mit Charme. 238 Gramm fühlen sich auf der eher kleinen Größe unwahrscheinlich gut in der Hand an. Das Kopfband entzückt mit industriellem Design, das aber eher klassisch von Kunstleder überdeckt wird. Die offene Kabelführung weckt Begeisterung bei Technik-Fans und das Zusammenspiel von mattem Schwarz mit metallenen Elementen überzeugt. Optisch ist besonders der braune Aventho für mich ein Leckerbissen. Der Kopfhörer würde sich in modischen Männerzeitschriften nicht wirklich verloren fühlen – und das meine ich als Kompliment.
Dank der sehr weichen Ohrpolster fühlt sich der Aventho nicht nur gut in der Hand, sondern auch auf dem Kopf an. Der Anpressdruck ist für die sonst üblichen Verhältnisse von beyerdynamic relativ hoch. Damit wird sichergestellt, dass der Kopfhörer nicht vom Kopf rutscht wenn man sich zur Musik bewegt. Über eine Stunde Tragezeit sind für mich kein Problem, bis 2 Stunden halte ich auch mit Brille aus, doch ab dann beginnen die Ohren zu schmerzen. Das ist für einen On-Ear meiner Meinung nach eine ausreichend gute Leistung. Zugegeben, man muss schon verstärktes Interesse an Kopfhörern haben, um sich überhaupt für einen On-Ear statt oft bequemeren Over-Ear oder Inear zu entscheiden. Wer aber nicht vor angedrückten Ohren zurückschreckt, der findet beim Aventho womöglich die haptisch bisher vollendetste Ausführung dieser Kategorie. Wirklich, es macht einfach nur Spaß den Kopfhörer anzuschauen, anzufassen und aufzusetzen. beyerdynamic hat es geschafft bei mir das Kind im Mann zu wecken.
Die Verarbeitung ist tadellos. Wie lange es dauert bis die Polster anfangen porös zu werden, kann man aktuell noch nur vermuten. Generell ist beyerdynamic mit der Verfügbarkeit und den Preisen von Ersatzteilen jedoch sehr vorbildlich.
Unterwegs ist der Aventho erfreulich resistent gegen Windgeräusche. Allerdings erzeugt der Kopfhörer stärkeren Trittschall als ich gewohnt bin. Ich empfehle das Schritttempo dem Rhythmus der Musik anzupassen.

beyerdynamic Aventho Wireless

Bedienung
Der Aventho Wireless hat nur eine Taste. Diese befindet sich zwischen den Anschlüssen. Wenn man sie 2 Sekunden gedrückt hält, schaltet man den Kopfhörer ein. Hält man länger gedrückt, dann geht der Aventho in den Suchmodus und lässt sich über Bluetooth koppeln. Ab 10 Sekunden löscht er die interne Geräteliste und ist wieder entkoppelt. Ist der Aventho Wireless eingeschaltet, muss man den Knopf 6 Sekunden halten um den Kopfhörer auszuschalten. Die daneben liegende LED-Anzeige informiert über den Kopplungsstatus. Ein langsames blaues Blinken heißt, dass der Kopfhörer gekoppelt und aktiv ist. Wechselt die LED zwischen rot und blau, ist der Kopfhörer am Suchen.
Eine Frauenstimme informiert über den Status der Kopplung und der Batterie. Im Normalfall hält man die Taste zwei Sekunden gedrückt, dann ertönt die Stimme und sagt auf Englisch „power on“, „battery high“, „headset connected“, usw.
Die Bedienung wie z.B. Play/Pause, Lautstärke, Sprachsteuerung, Lied vor oder zurück funktioniert über das Touchpad. Die rechte Ohrmuschel bietet eine glatte Fläche zur weiteren Bedienung. Vertikales Wischen soll die Lautstärke regeln und mit Bewegungen auf der Horizontalen kann man Lieder vor- bzw. zurückspulen oder überspringen. Doppeltes Tippen pausiert und Halten aktiviert die Sprachsteuerung. Die Bedienung mit dem Touchpad benötigt auf jeden Fall etwas Übung und hat anfangs mehrfach zu ungewollt hoher Lautstärken geführt. Gerade beim Positionieren auf dem Kopf aktiviert man schnell mal die Sprachsteuerung oder löst eine andere Aktion aus.
Es gibt auch Aktionen, die in Verbindung mit dem physischen Knopf und Interaktion am Trackpad ausgelöst werden. Z.B. kann man die Benachrichtigungsstimme stumm schalten, indem man beim Drücken des Knopfs das Trackpad doppelt berührt, was mir ungewollt zweimal passiert ist. Es ist sogar möglich – im wahrsten Sinne des Wortes – mit einem Wisch die Werkseinstellungen wiederherzustellen. Natürlich auch ungewollt.
Im Winter werden die Gesten nicht gut erkannt. Trockene Finger werden gerne mal ignoriert. Es hilft den Daumen und Zeigefinger vor Bedienung aneinander zu reiben oder mal kurz und heftig mit den Fingern über die Jeans zu rutschen. Persönlich wäre mir eine Bedienung über ausschließlich physischen Tasten, wie z.B. beim Bose QC35 sehr viel lieber gewesen.

Die Begleitung: MIY
Nicht im Lieferumfang enthalten, aber unbestreitbar ein wichtiges Zubehör, ist die Smartphone-App MIY, was abgekürzt für Make It Yours steht. Zu beziehen ist die App über:
iOS 10.3+
Android 6+
Die erste Kopplung zwischen Kopfhörer und App verlief nicht problemlos. Ich musste darauf achten, dass keine anderen aktiven Bluetooth-Geräte in Reichweite waren. Auch schien es zu Problemen zu führen, wenn der Aventho nachträglich mit mehreren Geräten gekoppelt wurde. Dies betrifft allerdings nur die App, denn die eigentliche Bluetooth-Verbindung war jederzeit und zu jedem Gerät stabil.

beyerdynamic Aventho Wireless

Das Hauptfeature von MIY widmet sich einer individuellen Lautstärke-Korrektur anhand der unteren Hörschwelle und bedient sich dabei an der Erfahrung von der Berliner Firma Mimi Technologies, die auch einen separaten kostenlosen Hörtest im App Store anbieten. Der Hörtest moduliert Töne, die in Frequenz und Lautstärke schwanken und kann nach Rückmeldung des Benutzers den leisesten hörbaren Ton ermitteln. Innerhalb von 6 Minuten werden 6 Töne in unterschiedlicher Reihenfolge jeweils für beide Ohren getrennt erzeugt. Daraus ergibt sich der „Ohrabdruck“, wie er von Mimi genannt wird. Die Lautstärkeabweichungen werden dann in der MIY App gespeichert. Alternativ können die Daten auch von Mimis eigenständiger App importiert werden. Die Hörkurve wird dann zum Aventho übertragen, der eine individuelle Korrektur berechnet und sie sich behält. Gerade der letzte Punkt ist interessant, denn damit ist der Kopfhörer nicht mehr auf die Verwendung von MIY angewiesen, sondern bleibt zu jederzeit im aktiven Betrieb individuell. Mimi berücksichtigt auch die von Fletcher und Munson ermittelte dynamische gehörrichtige Lautstärke. Das heißt, dass Bässe und Höhen zu unterschiedlichen Teilen unterschiedlich stark betont werden müssen, um ein ausgeglichenes Hören über jede Lautstärke zu erhalten.
Bei mir persönlich blieb die Korrektur – Gott sei Dank – sehr gering. Ich bin ehrlich gesagt auch davon ausgegangen, dass mein Gehör noch gesund ist, sonst würde ich mich auch nicht trauen HiFi-Geräte nach ihrem Klang zu bewerten. Allerdings habe ich die 30 schon überschritten und ein zukünftiger Hörverlust ist unvermeidbar, weswegen ich mich freue, dass sich jemand hierüber Gedanken macht und auch schon eine Lösung fürs spätere Ich vorbereitet hat. Für jene Anwender, die einen etwas stärkeren Eingriff benötigen, erlaubt MIY die stufenweise Gewichtung der Korrektur. Das ist praktisch falls ein Eingriff von 100% anfangs zu ungewohnt erscheint.
Außerdem ermöglicht MIY einzusehen, wie lange und wie laut man schon Musik hört. Die Information errechnet der Kopfhörer, die App muss dafür also nicht aktiv sein. Der Smart-Kopfhörer weiß wann man zu laut hört und ab wann es ungesund ist. Ich persönlich hatte Schwierigkeiten sogar die 10% des Tagespensums zu erreichen, allerdings habe ich auch an keinem Tag ausschließlich mit dem Aventho Musik konsumiert. Wie lange man sich in der Kneipe oder in der Disco aufhält, weiß der Kopfhörer natürlich nicht, also sei hier jedem geraten selber auf seine Gesundheit zu achten und Lautstärke in Maßen zu genießen.
Der Mehrwert der MIY-Begleitung skaliert also exponentiell mit ungesunden Ohren, oder solche denen baldiger Hörverlust droht. Das sei nicht beleidigend gemeint, sondern ist durchaus ein sehr valides Kaufkriterium. Die Alternative bisher war es „Altherren-Kopfhörer“ anzubieten, die im Hochton für gesunde Ohren viel zu scharf klingen. Der Aventho ist im Vergleich eine dynamische Lösung, die auf breitere Zustimmung stoßen sollte. Je mehr ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir das Konzept!

Bluetooth mit HiFi-Audio
Der Aventho Wireless ist hauptsächlich ein Bluetooth-Kopfhörer und möchte gerne ohne Kabel verwendet werden. beyerdynamic geben selbst an hier auf hochwertige Technik zu setzen und auch einzelne Komponenten des Bluetooth-Receivers, DACs und Verstärkers zu verbauen, statt auf die im Massenmarkt populären Komplettpakete zu setzen. Bei der Verwendung von Bluetooth gibt es allerdings ein paar Sachen zu beachten wenn man das beste Klangerlebnis erreichen möchte.
Bluetooth-Audio besagt erstmal nichts über die Soundqualität. Die Übertragung via A2DP (Advanced Audio Distribution Profile) erlaubt verschiedene Codecs. Als kleinster gemeinsamer Nenner muss jedes Bluetooth-Audio-Gerät SBC (Low Complexity Subband Codec, ein freier Verwandter der MP3) enthalten. Heutzutage sind hauptsächlich AAC, aptX (auch LL und HD) und LDAC verbreitet. Der Aventho unterstützt SBC, AAC und aptX (HD). Keiner dieser Codecs ist verlustfrei, denn dafür reicht die aktuelle Bandbreite von Bluetooth 4.2 nicht aus. Prinzipiell ist das kein Problem, denn sogar das betagte SBC gilt unter idealen Voraussetzungen als transparent. Natürlich sollen auch AAC und aptX Transparenz erreichen können, bei der sie im Blindtest nicht von der CD unterschieden werden können. Aber gerade in Abhängigkeit der Codecs kann es zu unterschiedlichen Erfahrungen kommen.
Wie gesagt, keiner der Codecs ist verlustfrei, das heißt es wird immer Information von der Quelle unwiderruflich und bestenfalls approximierbar gelöscht. Jeder Codec benutzt verschiedene Maskierungseffekte damit der Anwender den Verlust nicht bemerkt. Vermischt man nun aber verschiedene Codecs, weil auf dem Abspielgerät z.B. MP3 gespeichert sind und man zur BT-Übertragung AAC benutzt, werden effektiv zwei verschiedene Schnittverfahren angewendet, dessen Artefakte sich addieren und weshalb der Qualitätsverlust dann hörbar werden kann. Deswegen lässt sich nicht prinzipiell sagen welche Übertragung die beste ist, da sie schwer vom Ausgangsmaterial abhängt (MP3, AAC oder OGG). Wir empfehlen deshalb unbedingt die Musik in verlustfreier Qualität (FLAC, ALAC) vorliegen zu haben, um einer möglichen doppelten Komprimierung zu entgehen.
Des Weiteren sind die Codecs variabel in ihrer Bitrate. Es kann passieren, dass die Übertragung gedrosselt wird und es so zu weiteren Klangeinbußungen kommt. Man sollte darauf achten, dass möglichst wenige Störsignale (wie andere Bluetooth-Geräte) in der Nähe sind. Auch passiert die Übertragung immer quasi in Echtzeit, das heißt die Ausgabe wird kontinuierlich neu enkodiert und übertragen, so dass auch andere Soundinformationen vom Quellgerät möglichst zeitnah am Kopfhörer ausgegeben werden können – wie z.B. ein Benachrichtigungston. Jede weitere Tonausgabe reduziert die Soundqualität weiter und sollte stumm geschaltet werden. Schließlich gilt noch zu beachten, dass die App MIY nachträglich DSP anwendet und die Bits verändert. So können je nach Stärke der Korrektur Artefakte einfacher herauszuhören sein, wenn der Hochton z.B. stark angehoben wird, da die Maskierung nicht wie vorgesehen funktioniert. Ein leichter und vielleicht nicht hörbarer Qualitätsverlust ist allerdings ein kleiner Preis für einen wiederhergestellten Frequenzbereich.
Beachtet man diese Punkte, sollte es aus technischer Sicht kaum Widersprüche gegen eine kabellose Übertragung geben. Allerdings muss die Technik auch mit dem limitierten Platz im Kopfhörer zurecht kommen, was meistens neue Störgeräusche herbeiholt. Speziell beim Aventho ist der Bluetooth-Receiver bei leisen Umgebungen gut zu hören und fiept in der linken Ohrmuschel.

beyerdynamic Aventho Wireless

Klang
Lobenswert ist, dass der Aventho aktiv und passiv identisch klingt. Das heißt bei bestehender Bluetooth-Verbindung wird außerhalb der MIY App keinerlei Verbiegung vorgenommen. Möchte man die individuelle Hörkorrektur der MIY App verwenden, muss der Kopfhörer aktiv betrieben werden. Das geht sowohl über Bluetooth als auch über Verbindung mit USB. Ich widme mich zuerst der passiven Übertragung.

Sound im passiven Betrieb
Der Kopfhörer erreicht schnell hohe Lautstärken. Auch über Kabel kann man den Aventho sehr gut am Smartphone betreiben. Der klangliche Mehrgewinn an einem teuren externen Kopfhörerverstärker bleibt subjektiv aus. Der beyerdynamic Aventho ist sehr gefällig abgestimmt. Etwas Lärmpegel möchte der Kopfhörer um sich herum haben, um die sonst eher warme Abstimmung zu kaschieren. Stimmen haben dennoch auch in lauteren Umgebungen guten Kontrast und der Hochton erlaubt stellenweise noch etwas Glitzer. Die moderate Anhebung des Basses erzeugt viel Spaß und ist meiner Meinung nach für einen Kopfhörer, der seinen Haupteinsatz unterwegs sucht, sehr gut gelungen. Auf der Straße und in der Bahn können sich die tiefen Töne noch gut durchsetzen. Im Schlafzimmer ist die Bassanhebung gerade noch im Rahmen, um zwar stark aber nicht überwältigend zu klingen. Der Bass hat eine leichte Betonung auf Punch und so sorgt er für einen guten Rhythmus in der Musik. Der Tiefbass fällt in Relation etwas mehr ab, ist bei gutem Sitz aber ausreichend vorhanden.
Mitten haben eine leicht warme Verfärbung, die durch eine Akzentuierung der Obertöne aber genug Kontrast aufbauen können, um sich frei zu stellen. Insgesamt sind Stimmen im Vergleich zum Bass etwas weiter hinten im Raum platziert, behalten aber größtenteils ein relativ realistisches Timbre. Für echtes HiFi-Feeling würde ich mir dennoch gerne etwas mehr Präsenz und eine gleichmäßigere Ausfüllung der Mitten wünschen. Man sollte allerdings mit dem Sitz der Ohrpolster etwas experimentieren, bzw. die Empfehlung im Handbuch berücksichtigen, um dem Aventho das Optimum zu entlocken.
Die Höhen sind quantitativ leicht zurück genommen und nicht scharf. Abhängig von der Positionierung der Polster kann man dem berüchtigten Beyer-Peak (eine Überbetonung von 8-10 kHz) komplett entgehen. Eine verhältnismäßig leichte Betonung verschiebt sich dabei zu den unteren Höhen und beginnt sogar schon im Übergang zu den oberen Mitten ab 5 kHz an. Ab ca. 7 kHz wird der Hochton sehr weich und klingt langsam gen Superhochton aus. Dadurch wirkt die Klangfarbe tendenziell etwas dunkel, was je nach Aufnahme aber auch angenehm sein kann. Zischlaute bleiben selbst bei kritischen Aufnahmen komplett aus.
Der Raumklang, bzw. die aufgespannte Bühne ist sehr limitiert. Selbst – oder besser gerade bei – dem symmetrischen Antrieb über den ADI-2 Pro und binauralen Testaufnahmen von Dr. Chesky wirkt der Klang an den Seiten sehr eingeengt und nicht wie erwartet frei im Raum stehend. Die Abstimmung hilft jedoch etwas Tiefe zu erzeugen und schiebt zentrierte Sänger weiter vom Betrachter weg. Die Kanaltrennung über das mitgelieferte Kabel ist ok, bei normaler Lautstärke ist fast keine Übersprechung zu hören. Allerdings ist die Ortung und übertragene Platzierung der Instrumente etwas ungenau. Das fällt z.B. bei Jazz Ensembles und Orchestern auf, bei denen sich mehrere Spieler zusammen stauen und bildlich fast ineinander stehen. Für Gaming eignet sich der Aventho deshalb weniger.
Was die Auflösung betrifft, habe ich mir anfangs etwas mehr erhofft. Der Sound klingt im Vergleich zu einer Referenz flach und gepresst. Der Aventho schafft es nicht immer große Orchester in einzelne Instrumente aufzuteilen. Dies fällt z.B. auf wenn Cello und Trommeln gemeinsam spielen. Violinen sind nicht nur dunkel verfärbt, sondern ihnen fehlt die Luftigkeit um sich auch räumlich abzutrennen. Streicher ähneln deshalb schon mal einem Synthesizer. Gerade weil ich eigentlich Jazz präferiere, merke ich wie der Aventho mich zu anderen Genres lockt. So kommt es, dass ich meinen neusten Kauf von ECM Records nicht unterwegs mit dem Aventho hören möchte. Ich habe leider manchmal das Gefühl, dass mir Details untergehen könnten, bzw. dass ich die hohe Aufnahmequalität nicht in vollem Umfang schätzen kann. Stattdessen habe ich während des Testzeitraums öfter zu Hip-Hop gegriffen und mir die Jazz-Aufnahme für zuhause oder für Inears aufgehoben. Nicht nur bei Rap, sondern auch bei Elektronik und insbesondere Pop macht der Aventho jedoch sehr viel Spaß. Rihanna, Lady Gaga und Co. – dabei fühlt er sich meiner Meinung nach am wohlsten. Auch Rock bringt etwas „Drive“, das je nach Aufnahme von Vorteil sein kann. Als Grobdynamiker macht er seine Aufgabe also gut, Mikrodetails gehen aber etwas verloren.

Sound im aktiven Betrieb
Verbindet man den Aventho über USB, greift der interne DAC inklusive der hinterlegten Korrektur. In meinem Fall macht sich die Klangveränderung hauptsächlich mit einem etwas stärkeren Bass bei geringen Lautstärken bemerkbar. Mit steigender Lautstärke konvergiert die Korrektur gegen Null. Hier kommt es jedoch sehr aufs individuelle Gehör drauf an und die Auswirkungen werden für jeden unterschiedlich stark ausfallen. Besonders wenn nicht beide Ohren gleich stark sind, kann unter Umständen ein Aha-Erlebnis auftreten.
Für mich persönlich lohnt sich die Korrektur nicht. Ich hatte ehrlich gesagt eher gehofft, dass die Mitten weiter nach vorne treten und der Bass sich quantitativ dem Hochton anpasst um theoretisch optimalen Studio-Sound zu erreichen. Entweder höre ich zu leise, sodass der Bass dynamisch kompensiert wird, oder beyerdynamic orientiert sich beim Aventho an der breiten Masse und geht davon aus, dass viele einen wärmeren Klang mit leicht angehobenen Tiefton präferiert. Das ist absolut legitim und auch meine Ohren können sich durchaus daran gewöhnen.
Wer besonders kritisch ist, dem wird aber auffallen, dass der Aventho im aktiven Betrieb sehr leise rauscht. Schaltet man zusätzlich Bluetooth an, nehmen die Störgeräusche noch weiter zu. Das ist natürlich nichts, das man im Straßenverkehr vernehmen würde und betrifft eher nur die Momente, wenn man nach einem langen Tag ins Bett fällt. Dann wird allerdings auch auffallen, dass sich die Lautstärkeregelung zwar mit dem Quellgerät synchronisiert, allerdings nur viel gröber einzustellen ist. Das iPhone hat ca. 16 Klicks mit mehreren Zwischenstufen, die über den Schieberegler vorgenommen werden können. Der Aventho hat maximal 15 Stufen und keine Zwischenstufen. Das heißt gerade bei geringen Lautstärken schnellt er mit dem Pegel nach oben und „überspringt“ dabei gelegentlich einen Klick vom iPhone. Das ist gerade in den untersten 4 Positionen sehr auffällig und meiner Meinung nach muss beyerdynamic an dieser Stelle unbedingt mit einem zukünftigen Firmware-Update nachbessern!

beyerdynamic Aventho Wireless

beyerdynamic Aventho Wireless vs beyerdynamic DT 1350
Leider beißt sich der Aventho am älteren und fast nur halb so teuren beyerdynamic DT 1350 die Zähne aus. Der DT 1350 schafft es luftig zu klingen und dabei trotzdem im Tiefbass ausreichend Druck aufzubauen. Im direkten Vergleich wirkt der Aventho aufgedickt und etwas zu verspielt. Der Neue hat Probleme mit der Geschwindigkeit vom 2011er Modell mitzuhalten. Und obwohl Stimmen beim Aventho gut kontrastiert sind, klingen sie beim DT 1350 fast völlig befreit und tonal richtiger – der richtige Sitz wird aber vorausgesetzt, da Stimmen sonst schnell topfig klingen können. Da zeigt sich der Aventho toleranter. Die 1350 Studio-Referenz ist hingegen über den ganzen Hochton hinweg präsenter – vor allem im Superhochton wo der Aventho merklich an Pegel verliert. Auch die Auflösung ist höher und Mikrodetails werden vom 1350 besser dargestellt. Der Raum klingt insgesamt größer und weniger beengend, obwohl dort beide keinen Preis für gewinnen werden.
Selbstverständlich darf man sich trotzdem mit der Abstimmung des Aventho anfreunden. Die dunklere Klangfarbe eignet sich gut für weniger hochwertige Aufnahmen und ist insgesamt auch nicht übertrieben. Einen technischen Nachteil sehe ich dennoch gegeben. Statt jedoch den Aventho im Vergleich zum DT1350 klein zu reden, seien HiFi-Enthusiasten stattdessen eher aufgefordert den DT 1350 nicht zu unterschätzen, der gemessen am Preis eine wirklich gute Leistung bietet.

beyerdynamic Aventho Wireless vs Bose QuietComfort 35
Verwendet man den Bose QC35 mit dem Kabel, macht sich etwas Ernüchterung breit; klingt er doch aktiv über Bluetooth durch einen versteckten EQ-Eingriff wesentlich homogener. Was sofort auffällt, ist der größere Raum in dem sich die Musik bewegen kann. Im aktiven Betrieb verpasst Bose dem QC35 ein weiches und warmes Klangbild, das sich in den Höhen zwar bedeckt zeigt, dafür aber einen stimmungsvollen und ausgeglichenen Bass entlockt. Der Aventho ist im Vergleich jedoch etwas spritziger und löst etwas besser auf. Töne klingen schneller ab. Allerdings erscheinen mir Stimmen nach dem Wechsel zum Beyer etwas zu dumpf, sind diese von der Tonalität her bei Bose meinem Empfinden nach realistischer. Der Auflösungsvorteil vom Aventho bleibt besonders im Anbetracht der Preisdifferenz sehr gering.
Der Vergleich gibt einen ungefähren Eindruck wie sich der Aventho insgesamt im Bereich konkurrierender Bluetooth-Kopfhörer platziert. Gäbe es nicht die Frage nach dem Preis, würde ich den Aventho jedem derzeitigen Bluetooth-Kopfhörer vorziehen. Allerdings bieten viele der Konkurrenten sogar aktive Rauschunterdrückung und kosten trotzdem weniger. Ich bin gerne gewillt für „Made in Germany“ einen Aufpreis zu zahlen, aber in Relation betrachtet ist der Aventho kein Schnäppchen.

Fazit
Der beyerdynamic Aventho Wireless ist ein schicker, gut verarbeiteter und bequemer On-Ear, der unterwegs mit einer warmen Abstimmung, moderaten Bassbetonung und sanften Höhen Spaß macht. Man trägt und zeigt ihn gerne, aber bei einer UVP von 449 € bleibt er schlussendlich etwas unter unseren Erwartungen, bzw. werden unsere Ansprüche an neutralem Studio-Sound nicht vollends erfüllt. Trotzdem kann er sich gegen konkurrierende Bluetooth-Kopfhörer behaupten. Perfektionisten werden einige Mängel kritisieren, wie z.B. die unpräzise Touch-Bedienung, Grundgeräusche der verbauten Technik und eine viel zu grobe Lautstärkeregelung. Dazu kommt, dass die Verbindung zur begleitenden App unzuverlässig ist. Zwar hat die MIY App gelegentlich Probleme auf den Kopfhörer zuzugreifen, dafür klappt die Bluetooth-Verbindung an sich sehr gut. Auch mit der Sprachqualität bin ich sehr zufrieden. Wie bequem eine kabellose Verwendung doch tatsächlich ist, vergisst man als Audiophiler recht schnell. Bluetooth hat definitiv seine Vorteile.
Der Nutzwert der MIY App, die eigentlich „perfekten Klang“ durch die Personalisierung ermöglichen soll, hängt schlussendlich sehr stark von der Gesundheit oder dem Alter der eigenen Ohren ab. Bei noch gesunden Ohren bleibt der zusätzliche Nutzen relativ gering, ich kann aber erkennen, wie die Technik auf Dauer Sinn macht. Vor allem jene mit asymmetrischen Hören wird hier ein fast konkurrenzloser Vorteil angeboten. Anderen sei dennoch geraten, einen Blick auf einem günstigeren On-Ear aus gleichem Hause zu riskieren, wie z.B. dem Aventho (ohne Wireless), dem T51i oder dem DT 1350.

Klaus

Über

Als anerkanntes Mitglied des HiFi-Forums blickt Klaus auf jahrelange Kopfhörer-Erfahrung zurück. Durch enge Kontakte zur Szene, war er bereits vielfach als Mediengestalter für die Branche tätig. Auch als Autor und Fotograf ist er kein unbeschriebenes Blatt - so mussten sich bereits unzählige Kopfhörer, Inears und Verstärker seinem kritischen Urteil unterziehen.

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